Wer bereits zur Jagd auf den Rothirsch im Ausland war, fragt sich vielleicht, welche weiteren Unterarten dieser interessanten Wildart es noch gibt. Tatsächlich gibt es weltweit einige Unterarten und die meisten von ihnen können auch bejagt werden - ein Traum für so manchen Auslandsjäger.

Weltweite Stationen

Eine Jagdreise auf alle Rothirsche dieser Welt würde uns von West nach Ost einmal um die Erde führen, von Schottland durch Europa, kurz nach Nordafrika, dann durch ganz Asien und hinüber nach Nordamerika. Den heimischen Westeuropäischen Rothirsch schössen wir zuhause. Die nächste Station wäre auch nicht weit entfernt. Abgegrenzt durch die Alpen und im Osten den Kaparten finden wir seinen süd-östlichen Vetter, den Balkanhirsch. Diese kapitalen Hirsche ziehen ihre Fährte vor allem im ehemaligen Jugoslawien und Bulgarien. Einmal südlich der Alpen reisen wir nun zu den afrikanischen Rothirschen. Den Berber-Rothirsch finden wir leider nur mit Mühe noch in Tunesien – hier leben noch einige wenige hundert Exemplare, aber trotzdem: Es gibt also Rotwild auch in Afrika. Nach Meinung der Genetiker gehört der Berberhirsch zur selben Unterart wie der noch seltenere Korsische Rothirsch, der in kleinsten Resten auf Sardinien vorkommt.

Rothirscharten weltweit – westliche Rothirsche

Von nun an reisen wir nur noch nach Osten: Wir überqueren bei Istanbul den Bosporus und befinden uns, wo er denn noch Lebensräume haben darf, im Reich des Persischen Rothirsches, auch Kaspischer Maral genannt. Der Name Maral wird eigentlich vor allem für den Rothirsch Sibiriens verwendet, dann Mongolischer Maral genannt. Die Hauptbestände des Persischen Hirsches erstrecken sich südlich des Kaspischen Meeres von West nach Ost und liegen bei weit über zehntausend Stück. Alle bis hierhin genannten Rotwildunterarten zählen die Genetiker zur Gruppe der westlichen Rothirsche. Der Perser ist der östlichste dieser Westhirsche.

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Chinesische Rothirsche

China ist für alle Rothirsche dieser Welt wortwörtlich das „Reich der Mitte“. Wenn wir mit dem Geweih des Perserhirschs im Gepäck vom Flughafen Teheran Richtung Osten losfliegen, überqueren wir am Westrand Chinas das Pamirgebirge. Dahinter erstreckt sich die riesige Ebene des Tarimbeckens, 1.500 Kilometer von West nach Ost und bis zu 600 Kilometer von Norden nach Süden. Dieses Tarimbecken, in dem sich heute die zweitgrößte Sandwüste der Welt befindet, ist die eigentliche Urheimat unseres Rothirschs, Schauplatz der anfangs Abläufe vom dramatischen Wandel des Klimas und der Lebensräume vor vielen Millionen Jahren. Und weil hier alles begann mit dem Rothirsch, finden sich hier am Rande des Tarimbeckens auch die genetisch gesehen ältesten überlebenden Rotwildarten. An den beiden Hirschen der Tarim-Gruppe, genannt Buchara-Hirsch und Yarkand-Hirsch, fällt vor allem auf, dass sie weniger endenreiche Trophäen als unsere westlichen Rothirsche aufweisen, im besten Falle sind es Eissprossenzehner.

Asiatische Recken

Falls uns Geld und Mut noch nicht verlassen haben, begänne nun das echte Abenteuer: Vom Tarimbecken aus nach Osten warten nicht weniger als sieben weitere echte Rothirschunterarten auf uns. Sie alle gehören, im Unterschied zu den bisher genannten, zu der Art Cervus canadensis, nicht Cervus elaphus. Es gibt somit drei Hauptgruppen: die Westhirsche und die Tarimhirsche, beide Cervus elaphus genannt, und die Osthirsche, die mit der Artbezeichnung Cervus canadensis beginnen. Die Osthirsche lassen sich in drei geografische Gruppen ordnen. Eine Nordasiatische: Zu dieser gehört neben dem uns bekannten Mongolischen Maral der Tienshan Hirsch. Eine Südasiatische, bestehend aus Gansu, MacNeill Hirsch sowie dem Shou. Und eine Ostasiatische, mit den Hirschen Isubra und Alashan.

Endlose Rotwildpassion

Verwirrt? Ich bin es noch immer. Aber das Faszinierende ist – es gab tatsächlich einen deutschen Jäger, der auf alle diese Hirsche gejagt hat: Christian Oswald aus Bayern. Der Wildbret- und Geweihhändler, 2011 im Alter von 80 Jahren verstorben, war so begeistert vom Rotwild, dass er zahllose Expeditionen nach Asien unternahm auf der Jagd nach all diesen genannten Hirscharten. Die Reisen fanden statt, als die Grenzzäune zwischen Ost und West noch sehr viel höher waren. Dank persönlicher Beziehungen bis hin zum chinesischen Handelsminister gelang es Oswald trotzdem, in die entlegensten Teile Chinas zu reisen und dort die exotischen Hirsche zu bejagen, zu denen es im Westen häufig kaum Informationen gab. Die einzigartigen und spannenden Aufzeichnungen des Expeditionsjägers kann man in seinem Buch „Das Rotwild der Erde“ nachlesen, und vor allem seine Trophäensammlung sollte am Ende die Grundlage für eine genetische Untersuchung sein, welche die Verwandtschaftsbeziehungen der vielen Hirscharten endlich klären konnte.

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Rothirscharten weltweit – wichtige Proben

Der Genetiker Christian Ludt bekam von Oswald die Erlaubnis, Gewebeproben aus der Geweihstangensammlung zu entnehmen, die er 2002 mit Kollegen an der Weihenstephan Universität in München untersuchte. Die genetischen Fingerabdrücke zeichneten das Bild der Verwandtschaften, wie in diesem Artikel bisher beschrieben. Vor allem konnten die Wissenschaftler damit auch die zeitlichen Abläufe rekonstruieren und sicher nachweisen, dass das Tarimbecken die Urheimat der Hirsche ist und diese sich von dort aus innerhalb der letzten zwei bis drei Millionen Jahre nach Westen und Osten ausbreiteten und in die einzelnen Unterarten teilten. Was den Genetiker Christian Ludt rückblickend sehr erstaunte: „Der Rotwildkenner Oswald hatte die meisten unserer Ergebnisse anhand seiner Beobachtungen richtig vorhergesagt. Oswald achtete bei seinen Beobachtungen nicht nur auf die Geweihform, sondern erkannte, weil er die lebenden Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen beobachtete, auch viele andere Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Neben dem Geweih schien ihm die Spiegelform und -farbe besonders aussagekräftig, und er lag tatsächlich fast immer richtig mit seiner Beurteilung der verwandtschaftlichen Beziehungen.“

Herkunft des Wapitis

Der Wapiti in den Rocky Mountains der USA wäre die letzte Station auf unserer Hirschweltreise. Der Name Wapiti stammt von den nordamerikanischen Shawnee-Indianern und heißt übersetzt „weißes Hinterteil“. Tatsächlich ist der Spiegel der Wapiti deutlich größer und auffallender als bei unserem Rotwild. Aber wo kommt dieser Hirsch her, der dem Mongolischen Maral im nördlichen Asien so zum Verwechseln ähnlich sieht? Natürlich genau von dort! Erst mit dem Ende der letzten Kaltzeit vor 10.000 Jahren wurden die Kontinente Amerika und Asien durch die Beringstraße getrennt. Davor war es den Tieren Sibiriens möglich, über die Landbrücke Beringia nach Osten auf den nordamerikanischen Kontinent zu wandern. Tatsächlich sind deshalb der Mongolische Maral und der Wapiti genetisch kaum zu unterscheiden und dieselbe Art. Die Wissenschaftler vermuten, dass es bis vor 10.000 Jahren häufig zum Austausch zwischen der sibirischen und der nordamerikanischen Population kam. Die Herkunft des Wapitis ist zweifelsfrei der Nordosten Asiens. Irreführend ist damit der lateinische Name Cervus canadensis, denn alle Marale und Wapitis sind asiatischer, nicht kanadischer Herkunft.

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