Taubenjagd in England

Wie die Jagd auf Flugwild insgesamt, ist auch die Taubenjagd in England äußerst beliebt.

Taubenjagd in England! Hohe Jagd für passionierte Flintenjäger. Dr. Christian Holm hatte die Möglichkeit, diese bei einem der erfolgreichsten Taubenjäger des Landes zu erleben. Dabei hat er ihm intensiv über die Schulter geschaut, um von dessen Können und Erfahrung zu lernen. Hier sein interessanter Bericht.

Vielseitige Jagdmöglichkeiten

“They eat the barley for a pint of lager every day!“ Das Entsetzen meines englischen Gastgebers ob der Tatsache, dass eine Ringeltaube jeden Tag die Gerste für ein großes Glas köstlichen Biers verschlingt, war echt. Immerhin gibt es mindestens zehn Millionen Geringelte in Großbritannien. Aber auch bei uns in Deutschland verfügen vor allem die siedlungsnahen Reviere meist über einen beachtlichen Besatz dieses wundervollen Vogels: die Schätzung liegt bei 2,5 bis drei Millionen Brutpaaren, das ist das Zehnfache von Stockente oder Fasan! Die Jagd auf diesen Kulturfolger ist extrem vielseitig, spannend und anspruchsvoll. Und auch auf dem Teller ist sie eine Delikatesse. Sie merken schon, ich bin ein echter Fan.

Mekka der Taubenjagd

Den ersten Bruch meines Lebens gab mir mein Vater, zwar regelwidrig, da kein Hochwild, aber aufrichtig, da mein erstes Stück jagdbares Wild, für eine Ringeltaube. Heute, 38 Jahre später, ist meine Passion für diesen Vogel ungebrochen, und ich erfüllte mir im März den langgehegten Wunsch und reiste nach Südengland, dem Mekka der Taubenjagd in England und weltweit, zu einem seiner Propheten, einem professionellen Taubenjäger namens Mr. Pigeon. Um dort zu jagen und zu lernen, wo es die meisten Tauben und die meiste Erfahrung gibt.

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Taubenjagd in England – Flintenjagd der Extraklasse

„Mr. Pigeon“ ist sozusagen sein Künstlername, eigentlich heißt der gebürtige Engländer Peter Schwerdt, Jahrgang 58. Wie sein Name erahnen lässt, kam die Familie mal aus Deutschland. Vielleicht ist er auch daher so gründlich in seiner Vorbereitung und Durchführung der Jagd. Was Peter unter Taubenjagd versteht, hat mit „lass uns mal raus gehen auf Tauben“ rein gar nichts zu tun. Es ähnelt eher einer wochenlang vorbereiteten, perfekt geplanten Drückjagd. Sein Erfolg gibt ihm recht: unter den professionellen Taubenjägern des Landes, und es gibt davon sehr viele, gilt er als der mit dem höchsten Streckenschnitt pro Tag. Das liegt nicht an seinen Schießkünsten, welche ebenfalls extrem gut sind, auf einer anderen Liste wird er als einer der besten Jagdschützen Englands genannt, sondern an seiner sorgfältigen Herangehensweise. Denn obwohl Peter seine erste Taube mit acht Jahren erlegte und seitdem Zehntausende von ihnen geschossen hat, weiß auch er nicht, wo und wie die Tauben am Jagdtag fliegen werden, ohne zuvor im Revier gewesen zu sein.

Flugfreudig und frei

Tauben sind wahre Vögel des Himmels – flugfreudig und frei, vor allem während der Jagdzeit in Herbst und Winter, wenn nicht gebrütet wird. Jetzt wählen sie ihren Aufenthalt tags vor allem nach der verfügbaren Äsung aus, und abends brauchen sie sichere Schlafräume. Die beliebtesten Feldgehölze und Wälder, in denen die Tauben übernachten, sind Peter natürlich bestens bekannt. Aber welche Felder sie in der Umgebung nutzen werden und wie sie dorthin fliegen, dass muss auch der Taubenprofi auskundschaften. Es ist der Schlüssel zum Erfolg, und deshalb begleitete ich ihn am Tag vor unserem Jagdtag. Nach kurzer Fahrt durch malerische englische Dörfer der Grafschaft Wiltshire lenkte Peter seinen Landrover einen Feldweg entlang hinauf auf ein Hochplateau auf der Taubenjagd in England.

Magische Anziehungskraft

Hier oben bezog Peter einen perfekten Aussichtspunkt mit weitem Blick über die Täler, Felder und Wälder der Umgebung. Jede Taube am Himmel wurde sorgfältig durchs Fernglas beobachtet: wo kam sie her, wo flog sie entlang, wo landete sie? Für den erfahrenen Taubenjäger verriet jeder dieser Vögel Wichtiges auf der Taubenjagd in England: „Da, das ist jetzt die siebte Taube, welche entlang dieser Hecke flog – das ist eine klare Fluglinie.“ „Schau, die sind ganz hoch rein gekommen – die kommen von weit her. Das Feld hat große Anziehungskraft!“ „Lass dich nicht von den Tauben da hinten auf der Wintergerste täuschen, die äsen nicht, die ruhen nur.“ Auch den Zeitpunkt seiner Beobachtungstour hatte er natürlich nicht zufällig gewählt: „Um diese Jahreszeit fliegen die Tauben ab etwa 13.00 Uhr zum zweiten Mal aus zu den Feldern, nachdem sie ihr Frühstück verdaut haben. Um elf Uhr hättest du hier fast keinen Vogel in der Luft gesehen.“

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© Dr. Christian Holm
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Tarnung zur Taubenjagd in England

Wie recht er damit hatte, erfuhr ich am nächsten Tag. Denn wir waren um 9.00 Uhr zurück im Revier, um meinen Stand aufzubauen. Dafür nahm sich der Profi viel Zeit. Zuerst stellte er für mich einen Stuhl auf, dann steckte er die Stangen in den Boden und zog zwei Lagen Netz drumherum. Die Stangen waren bewusst nicht in einem symmetrischen Viereck aufgestellt, dass sei zu auffällig. Unten war der Stand blickdicht, am oberen Rand jedoch führt er das dünnere der beiden Netze alleine über die Stangen, damit er durchs Netz schauen konnte. Peter benutzte weder Gesichtsmaske noch Camouflagejacke, stattdessen verbarg er sich hinter dem Netz, und dank des halbdurchsichtigen oberen Rands blieb er auch mit dem Kopf stets auf Tauchstation. Das Netz war also so hoch aufgebaut, dass wir nur im Stehen schießen konnten. Peter bevorzugt den Schuss im Stehen, und das ist bei den akrobatischen Flugbewegungen, die Tauben vor allem nach dem ersten Schuss unweigerlich machen, ein klarer Vorteil.

© Dr. Christian Holm

Bewegung im Lockbild

Peter hatte sich als Standort für einen Maiswildacker entschieden, der für die Fasane und Rebhühner angelegt war. Hier waren die Tauben am Vortag zu Hunderten eingefallen, und am Rand des Wildackers lief eine dichte Hecke entlang, die nun unserem Stand als perfekten Hintergrund diente. Nun begann der Profi, die Locktauben auszubringen. Es waren keine großen Mengen, zehn Stück genau genommen, aber nur eine war aus Plastik. Der Rest waren echte Tauben von einem vorhergehenden Jagdtag, die er sich extra eingefroren hatte. Zuerst wurde das Taubenkarussell aufgestellt, dann der sogenannte Bouncer (übersetzt „Hüpfer“) und am Ende die Locktauben am Boden. Das Karussell, bestückt mit zwei echten Tauben, stellte Peter absichtlich etwas weiter weg an die Seite des Lockbilds auf, seiner Meinung nach hatten die meisten Tauben schon schlechte Erfahrung damit gemacht. Die Bewegung der drehenden Tauben sei für die Erkennung auf weite Entfernung sehr wichtig, aber im Landeanflug sollten die Wildtauben dem Karussell besser nicht zu nahe kommen.

Taubenjagd in England – perfekte Einflugschneise

Auch der Bouncer, eine Plastiklocktaube mit gespreizten Flügeln an einem dünnen, biegsamen Stab, welche sich schon bei geringem Wind auf und nieder bewegte, kam an den Rand auf die andere Seite. Für das Bodenlockbild benutzte Peter kleine Drahtkörbe mit Erdspieß, in welche er die echten Tauben sorgfältig hineinlegte und den Kopf mittels eines Dorns in eine natürliche Position brachte. Wenn man Plastiklocktauben benutze, solle man unbedingt darauf achten, dass sie nicht glänzen, so sein Rat. Zwischen Karussell und diesem Schwarm äsender Tauben ließ Peter einen auffälligen freien Bereich: dies war der Landebereich für die einfallenden Tauben, denn sie landen nicht zwischen ihren Artgenossen. Diese Zone lag also genau mittig vor dem Stand, und der Wind blies vom Stand zum Lockbild, damit die Tauben im Landeanflug gegen den Wind auf den Stand zu flogen.

© Dr. Christian Holm
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Erster Jagderfolg

Gegen 10.00 Uhr hatten wir also Stand und Lockbild auf der Taubenjagd in England fertig. Ich schlüpfe in den Stand. Peter verabschiedete sich mit einem breiten Grinsen und Daumen hoch. Er würde in den nächsten Stunden von weiter weg beobachten, wie sich der Strich zum Wildacker entwickelte, und periodisch herumfahren, um die Tauben an anderen Orten aufzuscheuchen. Gespannt hockte ich auf meinem Sitz, die Flinte in den Händen und schaute durch den lichten oberen Netzrand in die schöne Landschaft. Es kam ... nichts! Nach etwa 20 Minuten strich endlich eine Taube heran, kam in Reichweite und ich schoss. Zu meiner großen Freude klappte sie brav zusammen und fiel unweit meines Stands zu Boden. Aber wieder passierte anschließend wenig, und gute zwei Stunden später hatte ich vier Tauben erlegt und genauso viele vorbeigeschossen. Peter hatte mich vorgewarnt und erklärt, warum er so früh anfing, obwohl er den Hauptstrich erst ab 13.00 Uhr erwartete. Zum einen konnte er so besser sehen, ob sich der Strich so entwickelte, wie am Vortag beobachtet. Falls dies nicht zutraf, hatte er noch genügend Zeit zu reagieren.

© Dr. Christian Holm

Flexible Standortwahl in England

Und so kam der Landrover auch folgerichtig am frühen Mittag angerumpelt, Peter bat mich einzusteigen und fuhr mit mir zu einer andere Stelle, die er inzwischen eingerichtet hatte. Heute hatten die Tauben dieses Feld für sich entdeckt, und kaum war Peter verschwunden, so begannen für mich spannende vier Stunden, in denen permanent Tauben in der Luft waren, von denen viele auf das Lockbild reagierten und von denen ich viele erlegen konnte. Der zweite wichtige Grund, so Peter, sei, dass man den Strich unbedingt von Anfang an erwischen müsste, die einzelnen Tauben also beim ersten Einfallen beschießen wollte. Es sei völlig sinnlos, auf die Tauben zu schießen, wenn bereits tausend Stück auf dem Feld lägen – sie seien dann alle auf einmal weg! Stattdessen müsse man in den zwei bis drei Stunden jagen, in denen die Tauben nach und nach zum Äsen einfallen.

Tipps und Tricks des Profis

Es sind scheinbar kleine Details wie diese, welche der Profi in den Jahrzehnten gelernt hat und die am Ende – bei der Taubenjagd in England - den Unterschied machen. Am zweiten Tag jagte ich mit Peter aus einem Stand heraus gemeinsam und hatte Gelegenheit, dem Profi direkt über die Schulter zu schauen. Sein Kopf schaute, wie schon beschrieben, nie über den Tarnnetzrand hinaus, aber auch die Flinte verbarg er bis kurz vor dem Schuss im Tarnzelt, indem er sie mit der Schafkappe auf seinem linken Stiefel absetzte. Sobald die Taube in Schussweite war, stand er zügig auf und beschoss sie aus einem flüssigen Anschlag heraus sofort. Sollte der erste Schuss fehlen, was auch dem Meister passieren konnte, so fiel der zweite Schuss zügig, aber nie überhastet.

© Dr. Christian Holm
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Weiteres Vorgehen

Lagen ein paar Tauben, so verließ er kurz den Stand und säuberte das Lockbild. Die frisch erlegten Tauben wurden ordentlich ins Lockbild eingegliedert, und vor allem achtete er darauf, dass keine Tauben mit dem Bauch nach oben herumlagen, einem deutlichen Warnzeichen für ihre Artgenossen. Auf geflügelte Tauben am Boden schoss er nie nach, da sie im Vergleich zum Fasan nur extrem schlecht laufen können, und sein Jagdcockerspaniel sie problemlos fing. Als Waffe benutzte er eine Bockflinte mit 76 Zentimeter langen Läufen, beide Läufe Halbchoke. Peter schoss auch auf Tauben eine sehr hochwertige Jagdmunition mit 30 Gramm drei Millimeter Bleischrot und Filzpfropfen, um kein Plastik in die Landschaft zu schmeißen.

Das wichtigste zur Taubenjagd in England

Was aber war am Ende der Grund, dass er so viel mehr Tauben schoss als die meisten anderen Jäger der Umgebung? Seine Antwort war überraschend, aber gut nachvollziehbar: Neben dem sorgfältigen Auskundschaften des Wo? und Wann? war vor allem wichtig: Wie häufig? Also Intervalljagd! Die meisten guten Reviere der Gegend konnten der Versuchung nicht widerstehen und bejagten die Tauben seiner Meinung nach viel zu häufig. Peter achtete darauf, dass er dieselben Tauben frühestens nach zwei Wochen wieder bejagte. So lange bräuchten die Vögel, um die letzte Jagd an dem Ort wieder zu vergessen. In dieser Zeit beobachtete „Mr. Pigeon“ sie schon wieder für den nächsten Jagdtag. Für viele Briten sind Tauben nur landwirtschaftliche Schädlinge, für Peter Schwerdt jedoch spannendes Federwild, das Fasan, Rebhuhn und Schneehuhn ebenbürtig ist. Ich denke, dass viele von uns in Deutschland auch noch mehr auf dieses tolle Federwild jagen könnten, denn es ist erfreulicherweise eine Niederwildart mit guten, weitestgehend stabilen Besätzen.