Wer im Norden der Republik unterwegs ist, staunt zuweilen nicht schlecht, wenn er plötzlich an der Fahrbahn ein schwarzes Reh sieht. Fragen tauchen auf: Wie kommt die Färbung zustande? Wo liegt der Ursprung dieser Variante? Unterscheidet sich dieses Rehwild nur durch die Deckenfarbe? Dies und mehr beantwortet ein Rehwildexperte.

Viele Herkunftsgerüchte

Wo kommt das schwarze Rehwild her? Der Fantasie sind anscheinend bei dieser Frage keine Grenzen gesetzt. Es sei eine Kreuzung mit schwarzen Ziegenböcken gewesen, behauptet der eine. Nein, mit Damhirschen, so ein anderer. Ostfriesische Häuptlinge hätten sie mitgebracht. Oder waren es doch niedersächsische Gutsbesitzer, die sie aus dem Kaukasus holten? Die Gerüchte verdichten sich dann Richtung Bückeburg und dem Grafen Schaumburg-Lippe: Der habe sie aus Spanien (oder Portugal) geschenkt bekommen. Leider fanden die Biologen auch dort keine Belege, also wieder Fehlanzeige.

Verbreitung des schwarzen Rehwilds

Aber nicht nur die Herkunft der schwarzen Variante unseres ja sonst so weit verbreiteten Trughirschen bewegt die Gemüter der Jäger – viele träumen davon, schwarzes Rehwild im eigenen Revier zu haben oder woanders erlegen zu dürfen. Diese Wertschätzung ist sicher der Seltenheit der schwarzen Rehe geschuldet. Auf sein gesamtes europäisches Verbreitungsgebiet bezogen, sind sie wirklich rar. Man kann das Hauptverbreitungsgebiet leicht beschreiben: Folgen Sie auf einer Deutschlandkarte der Elbe von der Mündung im Uhrzeigersinn bis nach Magdeburg. Ziehen Sie nun einen Strich quer nach Westen bis Münster und noch etwas weiter bis zum Niederrhein in Holland. Von dort wieder nach Norden bis zur Elbmündung, und Sie haben ein Quadrat, in dem sich der überwiegende Großteil der schwarzen Rehe befindet.

Kleinere Bestände

Ein paar Bestände liegen auch noch jenseits der Elbe oder südlich der Münster-Magdeburg-Linie, aber der Löwenanteil liegt im beschriebenen Bereich. Hier ist in manchen Landkreisen das schwarze Rehwild ein gewohnter Anblick, in wenigen Revieren kann sogar bis zu jedes zweite Reh eine schwarze Decke haben. Meistens aber ist es deutlich weniger als jedes zehnte.

© Jens Krüger // Wohl dem, dem diese einzigartige Dublette gelingt.

Jagd auf den schwarzen Rehbock - Epizentren

Das unbestrittene Epizentrum der Jagd auf den schwarzen Rehbock ist die Gemeinde Haste, nur wenige Kilometer westlich von Hannover. Hier hat es ein schwarzer Bock sogar bis in das Wappen der Gemeinde geschafft. Wie der kundige Jäger unschwer erkennen kann, handelt es sich um einen lupenreinen schwarzen und sehr ansprechend starken Rehbock, der dort im Wappen springt. Und im Forstamt der besagten Gemeinde sitzen von jeher auch die Kenner dieses besonderen Wildes. Der dortige Revierleiter, Förster Heiner Wrede, kann dann auch selbstbewusst mit den weltweit höchsten Beständen aufwarten: „60 Prozent unserer Rehe sind schwarz!“ stellt er stolz fest. Das war nicht immer so. Die erste Schätzung stammt aus dem Jahr 1850, damals waren die Hälfte aller Haster Rehe dunkel. Dann stieg der Anteil bis 1935 sogar bis auf 80 Prozent an, um bis 1961 auf gerade mal 26 Prozent abzusinken.

Schwankende Abschusszahlen

So viel sei schon hier verraten – die Gründe dieser Schwankungen lagen immer an der stärkeren Schonung oder dem erhöhten Abschuss der Ausnahmerehe. Seitdem bewegen sich die Werte um 50 bis 60 Prozent. Diese Zahlen und viele weitere interessante Forschungsergebnisse hat der Vorgänger von Wrede, der verstorbene Oberforstmeister Dr. Horst Meyer-Brenken, in seinem Buch „Das schwarze Rehwild“ (1970) veröffentlicht.

© Jens Krüger // Auch schwächere schwarze Böcke wissen mit ihrer Deckenfärbung zu beeindrucken.
© Jens Krüger // Die Chance, einen schießbaren schwarzen Bock vor die Büchse zu bekommen, ist für viele Jäger schwindend gering.

Sonstige Siedlungsgebiete

Dass gerade in Haste so viele schwarze Rehe ihre Fährte ziehen, mag nicht verwundern angesichts der Tatsache, dass von hier auch die frühesten Belege stammen. Schon der Bischof von Minden, in direkter Nachbarschaft zu Haste, wusste, was gut war, und verfügte bereits um das Jahr 1100, schwarze Rehe in seine Küche liefern zu lassen. In anderen nachgewiesenen Ursprungsgebieten, wie dem Waldgebiet Lucie im Kreis Lüchow-Dannenberg, sind die dunklen Hirschartigen trotz der Jahrhunderte währenden Präsenz deutlich seltener. Höchstens jedes zehnte Reh sei hier schwarz, versichern Jäger der Gegend.

Jagd auf den schwarzen Rehbock – die Vererbung

Das bringt uns zur ursprünglichen Frage zurück: Wieso ist ein Reh normalerweise rot und hier in diesen Gebieten mehr oder weniger häufig schwarz? Die Antwort liegt auf der Hand: Es handelt sich um eine Frage der Vererbung. Die Deckenfarbe bei jedem Reh wird von zwei Pigmenten gesteuert, einem schwarzen und einem hellen Pigment. In der Mischung kommt das uns bekannte rote Reh heraus. Bei den schwarzen Rehen fehlt nun das Gen für das helle Pigment, und so wird ausschließlich schwarzes Pigment in die Haare eingelagert. Diese genetische Besonderheit muss aber von beiden Elternteilen vererbt werden, sonst kann doch helles Pigment gebildet werden, man spricht auch von rezessiver Vererbung.

Farbunterschiede

Hat das Kitz nur von einer Elternseite das Gen für helles Pigment abbekommen, sieht es wie gewohnt rot aus. Das erklärt auch, warum rote Ricken schwarze Kitze oder sogar ein schwarzes und ein rotes Kitz gleichzeitig führen können. Und zu guter Letzt setzen auch schwarze Ricken nicht nur schwarze Kitze, nämlich dann, wenn sie in der Blattzeit einem roten Bock nahestanden.

© Jens Krüger // Solch ein Waidmannsheil muss ausgiebig gefeiert werden.

Das rezessive Gen

Das sogenannte rezessive Gen vererbt sich also nicht so schnell weiter, und so fragt man sich, wie die schwarze Variante sich weiter ausbreitet? Für den Genetikprofessor Arne Ludwig in Berlin ist diese Frage heute vor allem von einem abhängig: dem Jäger! Er erklärt: „Wenn ein schwarzes Stück zum ersten Mal in einem Revier auftaucht, müssten Sie dieses schonen, damit es sich möglichst oft vererbt. Die Kitze werden wieder normalfarben sein, und erst in der nächsten Generation können die ersten schwarzen Stücke auftauchen!“ Das bedeutet für den Revierinhaber, dass er in dem Einstandsgebiet des schwarzen Rehs in den Folgejahren auch alle anderen roten Stücke schonen muss, weil er nicht erkennen kann, welches von diesen nun das unterdrückte Gen trägt und weitergeben kann. Wer schwarze Rehe will, muss also unbedingt auch die roten Nachfahren derselben schonen!

Jagd auf den schwarzen Rehbock - Verhaltensmuster

Sind schwarze Rehe nur anders gefärbt als ihre roten Geschwister oder auch sonst anders? Der Rehwildexperte Prof. Christoph Stubbe berichtet, dass gerade im Kerngebiet des schwarzen Rehwilds dieses feuchte und moorige Standorte bevorzugt, wie zum Beispiel Bruchwälder. So hat sich vielerorts auch der Beiname „Sumpfreh“ oder „Moorreh“ eingebürgert. Aus Jägerkreisen vernimmt man, dass die schwarzen Rehe den Wald bevorzugen und außerdem im Winter heimlicher seien als ihre roten Verwandten. All diese Erklärungen passen gut in das Bild, das die Wissenschaft von anderen Tieren mit hellen und dunklen Vertretern hat. Besonders gut erforscht hat man dies bei den Wölfen im amerikanischen Yellowstone Park: Die dunklen Wölfe bevorzugen die Waldbereiche als Lebensraum, denn auf der Pirsch scheinen sie im offenen Gelände von ihrer Beute zu schnell entdeckt zu werden.

Stärke und Schwäche

Ein erfahrener Förster versicherte darüber hinaus, dass die schwarzen Rehe von den roten dominiert würden, also unterlegen seien. Deshalb seien sie auch schwerer zu bejagen, da die Böcke ihr Revier schlechter verteidigen könnten und unsteter sind. Das würde zu der weitläufigen Ansicht passen, dass schwarze Rehe im Schnitt schwächer sind. Die Wissenschaft sieht das aber anders. Untersuchungen von Dr. Meyer-Brenken fanden keinen Unterschied im Gewicht der beiden Farbvarianten. Stubbe erklärt den Irrtum so, dass die schwarze Decke vor allem im Sommer das Stück kleiner erscheinen ließe, gemäß dem Motto „schwarz macht schlank“. Und schwarze Rehe werden wegen ihrer Seltenheit im Schnitt jünger erlegt als rote Rehe.

© Jens Krüger // Schwarzes Rehwild ist wohl für jedes Revier eine Bereicherung.

Jagd auf den schwarzen Rehbock – die Jagdmöglichkeiten

Jagdgelegenheiten zur Jagd auf den schwarzen Rehbock sind leider rar. Die meisten Reviere sind in privater Hand und vermarkten keine Abschüsse. Besser sieht es bei den niedersächsischen Landesforsten aus. Viele ihrer Kunden kommen aus Österreich und vor allem Dänemark. Für die dortigen Rehwildjäger scheint der schwarze Bock ganz hoch auf der Wunschliste zu stehen, und es werden bereitwillig Beträge jenseits der 1.000-Euro-Marke für einen mehrjährigen Bock gezahlt. Die meisten Erleger wollen eine bleibende Erinnerung an dieses besondere Jagdglück. Vielen reicht dabei nicht das Schulterpräparat – nicht wenige lassen den Bock im Ganzen präparieren.

Besondere Präparate

Die Kosten zur Jagd auf den schwarzen Rehbock und damit einem angemessenen Ganzkörperpräparat, liegen bei etwa 1.000 Euro, für ein Schulterpräparat sind es um die 300 Euro. Aber auch eine schwarze Rehwilddecke ist etwas Besonderes. Der Präparator Kay Klawun warnt: „Hängen oder legen Sie das gute Stück bitte nie in die direkte Sonne, sonst bleicht die schwarze Decke in kurzer Zeit zu einem unansehnlichen Braun aus.“ Mit solch besonderer Beute wären Sie jedenfalls in guter Gesellschaft – schwarzes Rehwild war in den letzten Jahrhunderten oft begehrtes Geschenk in Fürstenhäusern.