Wer von einer Doppelbüchse spricht, denkt unweigerlich an gefährliche Abenteuer in Afrika oder guten Anlauf auf der Drückjagd. Doch wie zeitgemäß sind die Klassiker mit den beiden Kugelläufen wirklich? Ein Waffenexperte klärt auf.

Gewisser Individualismus  

In Zeiten von blitzschnell nachzuladenden Geradezugrepetierern oder gar Halbautomaten gehört schon eine gewisse Portion Individualismus dazu, um sich für die gute, alte Doppelbüchse zu begeistern. In erster Linie sind daran die Preise schuld: Bekommt man die modernen Repetierer aus deutscher Fertigung schon ab 2.000 Euro, so müssen für eine Selbstladebüchse nur noch gut 1.000 Euro angelegt werden. Kleines Geld für große Feuerkraft also. Eine neue Doppelbüchse made in Germany verlangt da schon nach mehr Haushaltsdisziplin: Bei Blaser geht’s mit der Bockdoppelbüchse 97 bei stattlichen 4.220 Euro los, eine Heym 26 B startet mit 3.330 Euro. Beide repräsentieren die Gattung Bockdoppelbüchse. Die Investition in die nächste Waffe fällt noch eine Spur höher aus, wenn die Läufe nebeneinander angeordnet sein sollen. Für solch eine Merkel 140 (Anson & Deeley) müssen wenigstens 4.299 Euro, für eine 161 mit Seitenschlossen bereits 9.289 Euro nach Suhl überwiesen werden. Eine Krieghoff Classic verschlingt laut Preisliste ebenfalls stolze 5.218 Euro aufwärts. Auch die "Rising Bite" von Rigby ordnet sich in den höheren und exklusiveren Preisklassen ein. Doch womit sind diese Summen eigentlich begründet?

Der Afrika-Mythos  

Technisch stellt eine Doppelbüchse zwei Gewehre in einem dar. Sie verfügt über zwei Läufe, zwei Schlosse und zwei Abzüge (neuerdings auch mit Einabzug). Damit klärt sich schon ein Teil der Kostenfrage auf. Präzisionsteile wie Patronenlager, Abzugsstangen, Schlagfedern, -stücke oder -bolzen gibt es hier doppelt. Und darin ist auch der größte Vorteil einer Doppelbüchse zu sehen – in einer Waffe sind zwei unabhängige Systeme untergebracht. Hieraus begründet sich ihr Afrika-Mythos: Bricht eine Schlagfeder, gibt’s einen Versager oder Klemmer, bleibt der andere Lauf von dieser Havarie völlig unbeeindruckt. Eine Lebensversicherung bei der Pirsch auf die Big Five. Daher sind schwere Afrikabüchsen noch heute bei den Berufsjägern des Schwarzen Kontinents erste Wahl. Zudem sie auch in großen Kalibern eine wunderbare Balance erreichen und selbst in .577 N. E. und Co. noch sicher zu handhaben sind, während Repetierer ihre Schützen mit einem Furcht einflößenden Hochschlag erschrecken.

© Gert G. v. Harling
© J. P. Sauer & Sohn GmbH

Helfender Bimetalleffekt  

Solche dicken Berthas haben traditionell miteinander fest verlötete Läufe. Und hier setzt die wahre Kunst des Büchsenmachers ein. Das Zauberwort heißt Bimetalleffekt. Wird ein Lauf abgefeuert, so erwärmt er sich und dehnt sich vor allem seiner Länge nach aus. Diese Bewegung wird aber durch das Lot selbst sowie die fixe Verbindung mit dem anderen Lauf beeinflusst. Als Folge biegt sich der Lauf und drückt dabei den anderen Lauf hoch (Bockdoppelbüchse) oder nach links (Side-by-side). Im Fall der Bockwaffe spielt diese Verwerfung keine Rolle, solange mit offener Visierung geschossen wird. Denn dann folgen ja Kimme und Korn der Bewegung des Laufs. Ist hingegen ein Zielfernrohr montiert, so entsteht ein signifikanter Hochschuss von jenseits der 20 Zentimeter. Es sei denn, der Schütze hält sich an das Zeitfenster von um die 15 Sekunden Differenz zwischen erstem und zweitem Schuss. So lange braucht – je nach Konstruktion – das Metall, um sich entsprechend stark zu verformen.  

Mythos Doppelbüchse – wichtige Verlötung  

In der Praxis heißt dies, dass fest verlötete Doppelbüchsen (Heym 26, 55 und 88, Blaser 97 Classic, Merkel 140 und 160) in schneller Folge – wie auf der Drückjagd oder bei annehmendem Großwild gewünscht – abgefeuert werden müssen. Dabei gilt es, stets den ersten vor dem zweiten Lauf zu schießen, da das Material nur für diese Reihenfolge aufeinander abgestimmt ist. Wer also aus Jux und Tollerei den hinteren Abzug der kalten Waffe zuerst zieht, trifft nicht mal das viel zitierte Scheunentor. Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, gibt es teilverlötete Doppelbüchsen mit verstellbaren Mündungen (Merkel 141 und 161). Dies dient hauptsächlich dem Feintuning beim Einschießen neuer Laborierungen. So lassen sich die Trefferbilder beider Läufe aufeinanderlegen. Ein wichtiger Aspekt, soll die Büchse auch auf dem Ansitz geführt und präzise auf größere Entfernungen geschossen werden. Bei fest verlöteten Laufbündeln muss die Sache ab Werk stimmen.

© J. P. Sauer & Sohn GmbH

Zwei Sorten des Klassikers  

Daher gilt beim Kauf gebrauchter Doppelbüchsen: Probe schießen! Denn es gibt nur zwei Sorten dieser Klassiker – solche, die treffen, und jene, die mit den Schussgruppen der Läufe weit auseinander liegen. Da sind die jüngeren Konstruktionen von Blaser (BDB 97, S2), Merkel (B3, B4) und Krieghoff (Ultra 20 TS) wesentlich unkomplizierter zu bedienen. Bei ihnen sind die Läufe voneinander thermisch entkoppelt und können zueinander justiert werden. Das vereinfacht zum einen das Einschießen, zum anderen den jagdlichen Gebrauch. Bei diesen Modellen darf Lauf zwei vor Nummer eins abgefeuert werden, ohne dass es böse Überraschungen gibt. Der Preis für den praktischen Nutzen wird teilweise mit Abstrichen bei der Ästhetik bezahlt. So montieren manche Hersteller eine Plastikabdeckung, die vorgaukelt, die Läufe seien doch miteinander fest verlötet.  

Gute Argumente  

Tradition hin oder her, tatsächlich gibt es handfeste Argumente für den Einsatz von Doppelbüchsen. Ihre überragende Balance und der daher optimale Schwung prädestinieren sie für den Schuss auf ziehendes, flüchtiges und annehmendes Wild. Außerdem bleibt die Büchse nach dem ersten Schuss im Ziel, ohne dass heftiger Hochschlag (Selbstladebüchse) oder das Nachrepetieren den Schützen ablenkt. Mit keiner anderen Waffe lässt sich gezielter, sicherer und schneller eine Frischlings-Doublette erlegen. Und sind Halbautomat oder Geradezieher einmal leer, startet eine mehr oder minder komplizierte Nachladeprozedur. Doppelbüchsen-Enthusiasten hingegen klemmen sich zwei Ersatzpatronen zwischen die Finger der linken Hand. Nach der ersten Kanonade brechen sie die Büchse, entweder werfen jetzt Ejektoren die leeren Hülsen aus oder die Waffe wird kurz gekippt, und schon lassen sich die Rohre erneut laden. Das sieht bei Könnern beeindruckend elegant aus. Hierbei spielen die Doppelbüchsen mit nebeneinander liegenden Läufen ihren größten Vorteil aus. Sie sind leichter nachzuladen.

© Pixabay

Klassische Saujagd  

Wer auf der Drückjagd ganz klassisch Sauen jagen möchte, sollte sich mit der Heym 26 B befassen. Diese Büchse mit fest verlöteten Läufen ist leicht, bestens balanciert und weist bei Schüssen in schneller Folge kaum Treffpunktabweichungen auf. In der Version „Schwarzkittel“ ist die Thüringerin für 3.330 Euro zudem erschwinglich. Ist die feine Doppelbüchse hingegen als Allrounderin vorgesehen, führt kein Weg an thermostabilen Angeboten vorbei. Will man nicht gleich in die 4.000-Euro-und-mehr-Regionen von Blaser, Krieghoff und Merkel aufsteigen, dann sei die Haenel JAEGER .811 (2.695 Euro) als Tipp genannt. Als Krönung eines Jägerlebens soll ein Büffel in der afrikanischen Savanne erlegt werden. Stilvoller, sicherer und wirkungsvoller als mit einer Side-by-side geht’s kaum. Für das richtige Hemingway-Gefühl sorgen eine Heym 88 B, eine Merkel 140 AE (.375 H&H bis .500 N.E) oder die Krieghoff Big Five (.375 Flanged Mag. N.E. bis .500 N.E.). Für den Flug macht sich die Doppelbüchse im Koffer zudem klein, ohne die Treffpunktlage zu verändern.