Das Rothirschgeweih ist eine einzigartige Schöpfung der Natur. Doch nicht nur in den heimischen Revieren weiß das edle Wild zu beeindrucken - im weltweiten Vergleich gibt es teilweise noch imposantere Geweihformen, die eng mit der des deutschen Rotwilds verwandt sind.

Der erste Recke

Den Anblick meines ersten Wapitis im Rocky Mountain Nationalpark in Colorado werde ich nie vergessen: Auf einer Wiese zog ein atemberaubend kapitaler Wapiti Kreise um sein Brunftrudel. Ein jüngerer Beihirsch zog hinzu, woraufhin der Platzhirsch verhoffte und sein Haupt zum Brunftschrei reckte. Doch statt des erwarteten tiefen Orgelns eines Brunfthirsches hörte man nur ein lautes Quietschen! Der Brunftschrei dieser 300 bis 400 Kilogramm schweren Kolosse klingt wie eine Mischung aus Dampflok und rostigem Kommodendeckel. Mit Wohlwollen kann man am Ende des Rufs noch eine Art schwaches Röhren entdecken. Warum unsere Westhirsche röhren und die Osthirsche wie Wapiti, Marale und die Hirsche Chinas pfeifen, weiß niemand so genau zu erklären. Kreuzt man Wapiti und Rothirsch, wie es in Neuseeland zum Teil auf den Farmen gemacht wird, weil die Hybriden schneller wachsen, so kommt dabei ein Hirsch heraus, der in der Brunft tatsächlich beides macht: er quietscht und röhrt in einem Atemzug.

Spezielles Rothirschgeweih

Wer sich als Jäger Fotos von all den Rothirschen dieser Welt anschaut, dem fällt sofort auf, dass die klassische Becherkrone bei den Osthirschen im Vergleich zu unserem Rothirschgeweih offenbar nicht vorkommt. Bei einigen Hirscharten im Tarimbecken und Zentralasien kommen überhaupt keine Kronen vor – diese Hirsche haben am Ende ihrer Stangen nur Gabeln, so wie wir es auch vom Sikawild kennen. Diese, namentlich der Hangul, der Shou und der Buchara-Hirsch, sind selbst im Reifestadium nur Achter oder Eissprossenzehner. Sie spiegeln damit auch die früheren Stadien der Geweihentwicklung wider. Kronen kamen erst bei den jüngeren Arten vor, wie den Hirschen der westlichen Gruppe, also unserem Rothirsch Cervus elaphus, bei den nordöstlichen Hirschen, vor allem den Maralen der Mongolei und den Wapitis Nordamerikas.

© Rafal Lapinski
© Rafal Lapinski

Marale und Wapiti

Jedem Jäger wird der Unterschied in der Kronenform des Marals zu unserem Rothirschgeweih schon aufgefallen sein: Bei unseren Hirschen bilden sich Kronen am häufigsten durch eine der Gabel gegenüberstehende Sprosse aus, häufig auch mehrere Sprossen. Beim Wapiti und dem mongolischen Maral hingegen sind alle Kronensprossen, normalerweise drei, seltener vier, in der gleichen Flucht angeordnet und zeigen alle in dieselbe Richtung längs zum Körper. Die Fachleute reden deshalb auch von „elaphoiden“ Kronen bei unseren Rothirschen und „maraloiden“ Kronen bei den Maralen und Wapiti.

Verinnerlichte Geschichte

Interessanterweise kommen vereinzelt maraloide Kronen auch bei unseren Hirschen vor. Vor zwanzig Jahren beobachteten wir in einem niedersächsischen Rotwildrevier einen auffällig weit ausgelegten Hirsch, der über Jahre immer eine Wapitikrone schob. Umgekehrt erlegte Oswald in China den heute seltenen Gansuhirsch nicht nur mit flacher Maralkrone, sondern auch ein Exemplar mit der uns vertrauten breiten Kronenform. Bei den Hirschen Tibets treten am häufigsten beide Kronenformen auf. Eine abgeflachte Maral- oder Wapitikrone in unseren Revieren sind der eindrucksvolle Beweise dafür, dass alle diese Hirsche, trotz zigtausender Kilometer Entfernung voneinander, aus dem gleichen Erbmaterial entstanden sind und diese alten Anlagen manchmal auch gegen den örtlichen Trend noch zum Vorschein kommen. Ganz gleich, ob Hirsch oder Tier: Sollten Sie demnächst an einem erlegten Stück Rotwild und damit einem Rothirschgeweih stehen, dann denken Sie einmal an die unglaubliche Reise, die dieses Stück vom Fuße des Hindukusch vor zwei Millionen Jahren über Generationen bis heute gemacht hat.

© Pixabay
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