Sich im Vorfeld eine Stand-Strategie auf der Drückjagd im Ausland zurechtzulegen, kann einem einen immensen Vorteil bieten. Drückjagdexperte Dr. Christian Holm klärt auf.

Jagdlicher Grand Prix

Drückjagden auf Schwarzwild im Ausland sind spannend – sauspannend! Vor allem der Moment, wenn eine Rotte vor den lauten Hunden flüchtig über die Schneise kommt – der Augenblick der Wahrheit! Alles ist auf diesen Moment ausgerichtet, alles hängt an ihm: die Vorbereitungen, der Jagdtag, die Strecke – Ihr Jagderlebnis! Und in diesem Augenblick der Wahrheit entscheidet oft nur ein Wimpernschlag: Zwischen Beute machen und Schneider bleiben, ein Haarbüschel unter der Bauchlinie zwischen Keiler sowie Bache und, und am schlimmsten, nur Zentimeter zwischen Blattschuss und Gebrechschuss. All das und noch viel mehr gilt es, in Sekundenbruchteilen richtig zu erkennen, zu bewerten und darauf aufbauend auch noch ein bewegtes Ziel sicher und damit tödlich zu treffen. Ein Treiben auf Hochwild ist eine große Herausforderung, der jagdliche Grand Prix!

Fehlerfrei durch die Prüfung

Schnell und ohne große Zeit zum Nachdenken. Aber am Ende ist nicht die absolute Strecke entscheidend, sondern vor allem, was man aus seinem Stand machen konnte und ob man fehlerfrei aus der Prüfung kommt. All dies hängt in erster Linie von unserem Verhalten ab, nicht von der Ausrüstung. Die erfolgreichsten Drückjagdschützen sind vor allem viel geübter als wir Durchschnittsjäger, und es sind nicht ihre eigentlichen Schießkünste, sondern ihr gesamtes Standverhalten, samt Stand-Strategie auf der Drückjagd, das sie auszeichnet. Durch die Erfahrung geprägt, wird halt immer das jeweilig Richtige gemacht. Aber wie kann man das als Normaljäger ohne dreißig gute Drückjagden pro Jahr? Ich möchte hier einige Hauptpunkte vorstellen, die dabei helfen können.

© Pauline v. Hardenberg
© Pauline v. Hardenberg

Stand-Strategie auf der Drückjagd: Sei bereit

Nicht umsonst sagt der Jagdleiter meist bei der Einweisung an, dass nach Beziehen des Standes geschossen werden darf, sobald die Sicherheit es erlaubt. Die Logik dahinter ist einfach – da man zu jedem Zeitpunkt des Treibens nur schießen darf, wenn man einen absolut zweifelsfreien Kugelfang hat und somit den Verbleib der Kugel sicherstellen kann, ist dies ebenso gut zu Anfang möglich. Und die Chancen auf Erfolg stehen gleich am Anfang ausgesprochen günstig! Immer wieder sieht man jedoch einen Fehler zu Beginn der Jagd, der so hilfreich ist, wie eine falsche Patrone im Lauf: Bitte die Autotür leise zudrücken, denn wie oft befindet sich Wild in unserer direkten Umgebung! Während der Wagen davon rumpelt, äugt es diesem meistens nach, und die Ablenkung kann uns helfen, unbemerkt auf den Stand zu kommen. Im nächsten Moment wird der Nachbar seinen Stand beziehen, auch dabei kann Wild in unsere Richtung angestoßen werden.

Vorbereitung zu Hause

Wenn man bereits zu Hause alles in der richtigen Reihenfolge parat gelegt hat, kann man nun in wenigen Augenblicken bereit sein: Gehörschutz überziehen, Mikro anschalten, Waffe laden, Riemen mit Schnellverschluss abnehmen, Zielfernrohr überprüfen auf Vergrößerung sowie Leuchtpunkt und fertig ist man für die erste Chance!

Sicherheit geht vor!

Der erste Blick der Stand-Strategie auf der Drückjagd gilt immer der Sicherheit. Sie muss zwingend vor dem Augenblick der Wahrheit geklärt werden, denn nur vorher hat man Zeit dafür. Bei der Sicherheit gibt es nur zwei Kategorien: sicher und unsicher. Dazwischen ist nichts! Es muss ein ausreichender Kugelfang vorhanden sein. Dies kann nur der natürliche Boden sein. Wasserflächen, Forstwege und Bäume zum Beispiel sind ungeeignet. Leider kann die Kugel auch vom weichen Boden abprallen, wenn sie in einem zu flachen Winkel auf diesen trifft! Hauptfaktor für den Auftreffwinkel ist natürlich die Geländeform, und im ebenen Gelände vor allem die Entfernung vom Schützen zum Kugelfang. Mit zunehmender Entfernung wird der Winkel zwangsläufig immer flacher und somit gefährlicher. Legen Sie sich genaue Sektoren fest: sicher/nicht sicher. Wenn Sie sich die sicheren Sektoren eingeprägt haben, können Sie sich später vollständig auf das Ansprechen und Schießen konzentrieren. Es wird neben der Sicherheit auch Ihre Ergebnisse verbessern – denn Schüsse mit Restzweifeln gleich welcher Art gehen häufig fehl.

© Pauline v. Hardenberg
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Stand-Strategie auf der Drückjagd: Überblick

Je genauer Sie das Revier kennen, desto besser werden Sie auf Ihrem Stand wissen, von wo das Wild am wahrscheinlichsten anwechselt, und umso besser können Sie sich darauf ausrichten. Aber auch in einem fremden Revier kann man schon auf dem Weg zum Stand viele wichtige Infos aufnehmen. Wo sind offensichtliche Tageseinstände und Zufluchtsorte? Wo sind Freiflächen, Siedlungen und andere weniger attraktive Bereiche, die die Sauen auf der Flucht wohl nicht ansteuern werden? Direkt am Stand halten Sie die Augen offen – sieht man deutliche Wechsel? Gibt es mehr oder weniger zwingende Zwangswechsel wie Forstgatterzäune, Wasserflächen oder Freiflächen? Bietet sich den Sauen eventuell ein Schleichweg, wo sie besonders gut gedeckt von A nach B kommen? Dies können zum Beispiel Naturverjüngungen in einem sonst lichten Altholz sein oder ein Graben – Sauen nehmen gerne tiefe Punkte im Gelände an.

Autopilot programmieren

So wie ein Formel-1-Fahrer seine Rennstrecke im Kopf fahren kann, so sollte man sich auch im Rahmen der Stand-Strategie auf der Drückjagd seine Umgebung verinnerlichen. Man gewinnt dadurch viel Zeit. Programmieren Sie den „Autopiloten“, denn wenn der Augenblick der Wahrheit gekommen ist, ist am Ende nur dieser wirklich schnell genug, um alle nötigen Schritte für einen erfolgreichen Flüchtigschuss im Kopf abzurufen. Dafür muss er die Koordinaten kennen, in denen sich unsere Ziele bewegen, und Szenarien schon durchgespielt haben. Praktisch gesprochen: „Wenn die Sauen rechts hinten aus der Dickung kommen, kann ich sie im nicht-sicheren Sektor ansprechen, werde dann dort am Anfang des sicheren Sektors in den Anschlag gehen und habe zwischen der krummen Buche und der Birke auf der anderen Seite der Blöße Schussfeld für ein oder sogar mehrere Schüsse. Etwas weiter links ist noch mal eine gute Lücke im Bestand.“ Weil Sie dies im Gedanken durchgehen, bemerken Sie im voraus einen Graben, der bei einem Schussversuch an der Stelle sicher einen Fehlschuss produziert hätte, und ebenso die trockenen Fichtenäste, die in eine weitere vorhergehende Lücke ragen. Die meisten Fehler und Erfolge lassen sich in der Theorie schon durchspielen. Seien Sie unbesorgt, am Ende kommt die Sau vielleicht doch noch anders als erwartet, aber umso besser Sie Ihr Spielfeld und Ihre Möglichkeiten schon kennen, desto weniger kann Sie dies aus der Bahn werfen.

© Pauline v. Hardenberg
© Pauline v. Hardenberg

Distanz und Geschwindigkeit

Die sicheren und erfolgsversprechenden Schusszonen sind also im Rahmen der Stand-Strategie auf der Drückjagd festgelegt. Nun fehlt zum Blattschuss noch der richtige Haltepunkt – wie weit muss ich in der jeweiligen Situation vorhalten? Ich teile mir mein Schussfeld in drei Hauptentfernungsklassen ein. Dazu benutze ich einen Entfernungsmesser und merke mir dazu markante Punkte im Schussfeld. So stufe ich die Entfernung in „Nah, 0 - 30 Meter“, „Mittel, 30 - 60 Meter“ und „Weit, 60 - 90 Meter“ ein. Ab etwa zehn Meter bis 30 Meter liegt der Idealbereich für den flüchtigen Schuss. Man braucht nicht aus dem Stück hinauszuschwingen, selbst wenn es hoch flüchtig kommt, und es sind auch keine extremen Laufbewegungen nötig wie bei flüchtigen Stücken unter zehn Meter. Im mittleren Bereich bis 60 Meter muss man schon genauer auf seinen Haltepunkt achten, und spätestens ab 60 Meter wird es dann sehr anspruchsvoll. Nun hängt es stark von der Geschwindigkeit der Sau und dem Gelände ab, ob man überhaupt noch schießen kann.

Der erste Schuss ist der wichtigste

Eine hoch flüchtige Rotte in den Brombeeren zwischen Fichtenstämmen kann auf 50 Meter schon zu weit sein, aber ein müde trollender Überläufer auf dem offenen Acker ist auf 80 Meter für einen geübten Schützen noch sicher zu treffen. Es ist wichtig, sich über das Machbare und das Nichtmachbare im Klaren zu sein. Das hängt sehr vom einzelnen Schützen, seinen Schießfähigkeiten und der Situation ab. Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Treffers sollte auf keinen Fall unter 50 Prozent rutschen. Und der erste Schuss ist immer der wichtigste! Also lieber ein guter Blattschuss als hastig einmal hinten drauf und zweimal vorbei. Dies sollte man nicht nur bei Halbautomaten im Hinterkopf behalten.

Stand-Strategie auf der Drückjagd – Alles Kopfsache

Glauben Sie an Ihren Erfolg! Nur wenn Sie mit Überzeugung bei der Sache sind, werden Sie das Wild auch hören und sehen, ja sogar fühlen. Das mag etwas abgehoben klingen, aber manchmal nehmen wir unterbewusste Signale zuerst wahr. Wenn Sie die Sauen tatsächlich erwarten, ist Ihr ganzes System „voll da“. Wenn Sie Zweifel haben und nicht an den Erfolg glauben, ist es das nicht. Es kann für den Jagdleiter und seine Helfer frustrierend sein, wenn sie beobachten, wie Schützen auf dem Stand pennen. Alle geben ihr Bestes in den wenigen Stunden der großen Drückjagd, und so sollte man auch als Schütze vollen Einsatz bringen. Es ist gar nicht so einfach, die Motivation und nötigte Konzentration über ein langes Treiben aufrechtzuhalten, aber Fakt ist: Wenn Sie aufgeben, hat das Wild schon halb gewonnen! Ihre Überzeugung ist nach dem Schuss übrigens genauso wichtig wie vor dem Schuss. Gehen Sie fest davon aus, dass Sie getroffen haben. Sie selbst als Schütze haben die besten Chancen, den Anschuss zu finden – und hoffentlich nach wenigen Metern auch die verendete Sau. Dann war der Augenblick der Wahrheit auf der Auslandsjagd ein Erfolg – mit einer erfolgreichen Stand-Strategie auf der Drückjagd!

© Pauline v. Hardenberg