Jagd in den Alpen

Die Jagd in den Alpen ist mit Mühe verbunden, lohnt sich allerdings aufgrund der spektakulären Landschaft fast immer.

Was in Afrika die „Big Five“, sind auf der Jagd in den Alpen die „High Four“! Zwar riskiert man nicht, gefressen oder zu Tode getrampelt zu werden, aber die Jagd auf Murmel, Birkhahn, Gams und Steinbock ist auf jeden Fall reizvoll. Dies ist eine Liebeserklärung von Dr. Christian Holm an die Alpenjagd.

Kameradschaft und Tradition

Glück kann man bekanntlich nicht kaufen. Aber man kann es sich verdienen – mit jagdlichem Können und Schweiß. Beides ist gefordert bei der Jagd in den Alpen oberhalb der Baumgrenze. Dazu kommen Zutaten wie Kameradschaft, lokale Tradition und zwei große Fragezeichen – das Wetter und das Wild. Es gibt viel zu erleben bei den alpenländischen Jägern. Von einer Jagd in den Alpen kehrt man immer bereichert zurück, selbst ohne Trophäe im Gepäck. Der Charme der Bergjagd liegt auch darin, dass die Trophäe mehr im Jagderlebnis als in der Stärke des Stücks besteht. Der Unterschied zwischen einer 3er- und einer 1er-Gams beträgt wenige Zentimeter, bei Murmel und Birkhahn ist es nicht anders. Einzig bei den Steinböcken sieht auch der Laie deutliche Unterschiede.

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Jagd in den Alpen – Ein Anfang

Machen Sie es nicht wie ich – übersehen Sie das Murmel nicht! Es ist eine lohnende Beute, denn Sie finden es nur in den hochalpinen Revieren, und genau da ist die Jagd schön. Für mich war das Murmel die letzte Wildart in meinem Alpenquartett, für die Jäger der Hochgebirgsreviere ist es häufig das erste Stück Wild. Meinen Murmel ereilte es am höchsten Berg Österreichs, am Großglockner. Ein guter Freund und ich jagten dort Anfang September, es lag sogar schon erster Schnee. Die Murmel waren bereits recht feist geäst, auf den Winterschlaf vorbereitet und ihre Ausflüge nach draußen wurden kürzer und kürzer. Unsere Gastgeber zelebrierten die Murmeljagd mit uns im klassischen Stil. Wir stiegen auf in ein Gebiet mit starkem Murmelaufkommen: ein weiter, grasiger, steiler Hang in 2.800 Meter Höhe mit verstreut liegenden Felsblöcken.

Schrille Pfiffe

Unser Erscheinen dort wurde von schrillen Pfiffen begrüßt, man sah die Mankei hastig in ihren Bauen verschwinden. Dies verdross unsere Jagdführer aber mitnichten. Sie suchten in bequemer Entfernung zu den Bauen einen passenden Felsblock, hinter den wir uns legten. Einige Steine extra verbesserten die Deckung und dann – wurde geschlafen! Wir dösten eine halbe Stunde in der Mittagssonne hinter unserem Felsen. Dann wurde vorsichtig geschaut, welche Murmel sich wieder aus dem Bau getraut hatten. Einige, wie sich zeigte. Wir schossen unsere Murmel auf 50 bis 70 Meter, aber unbedingt aufs Haupterl, damit sie nicht noch in den Bau fahren. Obwohl das Haupt recht klein ist, gelang die Sache. Mit dem Abstieg ging eine herrliche Jagd in den Alpen zu Ende. Wenn Sie die Chance haben – jagen Sie Murmel! Es ist das preiswerteste Bergwild, aber sie werden sicher nicht enttäuscht sein.

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Des Jägers Liebling

Ohne Frage – bei Jagd in den Alpen denkt jeder zuerst an Gams. Und alle Bergjäger lieben diese Wildart – zu recht! Aber Gams ist nicht gleich Gams. Wenn Sie können, jagen Sie auf Gratgams, also auf Gams oberhalb der Baumgrenze, nicht Waldgams. Und möglichst in Revieren, die nicht von Bergwanderern überlaufen sind. Nicht nur, weil diese Ihre Jagd stören könnten, sondern auch, weil in den wirklich stark belaufenen Revieren die Gams regelrecht zahm werden. Mein Traumrevier liegt also oberhalb der Baumgrenze, fernab der beliebten Bergwandererziele, und hat im besten Fall eine schöne Hütte als Unterkunft. In solch einem Revier ist mir die Trophäe egal. Liebend gerne schieße ich einen Abschussgams und erspare mir die Mehrkosten für den 1er-Bock oder -Gaiß.

Die beeindruckende Brunft

Besonders beeindruckend war es, einmal während der Brunft jagen zu dürfen. Der Abend bei Kerzenschein in der Hütte war romantisch schön, das morgendliche Erwachen bei Minusgraden hingegen ungemütlich. Mit dem ersten Licht stiegen wir weiter hinauf in den Kessel, an dessen verschneiten Hängen die Gamsbrunft in vollem Gange war. In den folgenden Stunden sahen wir unvergessliche Bilder. Am beeindruckendsten waren die pechschwarzen Gamsböcke, die sich in halsbrecherischer Manier über die steilen Schneefelder jagten, dass das Weiße nur so stob. Unbegreiflich, dass sie nicht zu Tode stürzten und woher sie die Puste nahmen, in einem Spurt bald hundert Höhenmeter hinaufzustürmen. Einer dieser Böcke wurde am Ende des Schauspiels unsere Beute.

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© Dr. Christian Holm

Feine Jagd in den Alpen

Jagd ist ja meist eher rau, selten spricht man von elegant. Die Jagd auf den balzenden Birkhahn kann sich aber durchaus mit diesem Attribut schmücken. Es ist etwas für Kenner und Genießer. Durch einen Zufall kam ich in den Genuss einer solchen Balzjagd in der Gegend bei Kitzbühl. Unsere Unterkunft war eine urige Almhütte, nur zu Fuß zu erreichen. Die Hütte war etwa 250 Jahre alt. Der Bewohner, ein Mann von über siebzig, brannte einen gigantisch guten Obstler, der zu wirklich jeder Gelegenheit passte: Zum Aufstieg!, Zum Willkommen! und so weiter.

Eine kurze Nacht

Nach einer kurzen Nacht stieg ich mit dem Jäger-Peter in ein Schneefeld oberhalb der Almwiesen auf, und wir setzten uns in einen steinernen Schirm. Über uns funkelten die Sterne, aber im Osten verblasste das Himmelsschwarz zu erstem Blau. Mit dem Licht kamen die ersten Hähne, und bald schon begann die Balz vor uns am Hang. Auf dem weißen Schnee vor der morgendlichen Bergkulisse. Wir konnten sogar einen Hahn auf der anderen Seite des Kessels ausmachen, sicher mehr als 1.000 Meter entfernt.

Fauchende Balzstrophen

An dem windstillen Morgen konnte man sein Fauchen bis zu uns vernehmen und den senkrecht aufflatternden schwarzen Körper auf dem weißen Schneefeld gut sehen. Vor uns bemühten sich vier Hähne um die Damen, und einer davon war nicht nur deutlich wuchtiger und stärker als die anderen drei, sondern auch deutlich aggressiver. Zwischen seinen rugelnden, fauchenden Balzstrophen nahm er sich immer wieder auf und flog wie ein Derwisch zwischen die balzende Konkurrenz, die er auch erfolgreich verjagte. Leider war er dabei immer zu weit oben für uns, so dass wir an diesem Morgen nicht zu Schuss kamen. Am folgenden Morgen setzten wir uns deshalb zwischen ein paar Latschen steile hundert Meter weiter bergauf und wurden auch belohnt. Der starke Hahn war diesmal in Reichweite für die kleine Kugel, und ich traf ihn – trotz meiner Aufregung. Es folgten noch viele Obstler vor der Hütte an diesem Morgen. Und die Erkenntnis, dass die Alpenjäger recht haben, wenn sie dieser Frühlingsjagd auf den balzenden Spielhahn einen sehr hohen Stellenwert zumessen.

Die Krone der Alpjagd

Unangefochtene Krone und der Traum für die meisten Alpenjäger ist sicher zu recht der Steinbock. Aber die Krone ist erreichbarer geworden. Waren die Steinböcke vor über 100 Jahren einmal weitgehend ausgerottet in den Alpen, so steht es heute um diesen großen Paarhufer wieder gut, und er breitet sich stetig weiter aus. Man findet ihn heute in der Schweiz, Italien und natürlich in Österreich. Dort gibt’s in den hohen Regionen der Alpen viele Reviere, die regelmäßig Abschüsse tätigen und auch vermarkten. Meine Jagd in den Alpen fand in Tirol statt, im Landkreis Landeck. Die Steinböcke dort sind wirklich zahlreich, jedoch nicht so stark wie in der Schweiz, was sich aber positiv auf die Preise auswirkt, die man bei der Steinbockjagd sehr genau beachten sollte. Das Abenteuer begann bei mir Zuhause auf der grünen Wiese mit einer selbstgemalten Steinbockscheibe auf 300 Meter. Liegend über den Rucksack schoss ich mehrere Serien und hatte schnell den Dreh raus.

Ein echter Tiroler

Mein Jagdführer, „ich bin der Christian“, war der Pächter der dörflichen Gemeindejagd höchstpersönlich. Unsere Hütte lag auf 2.500 Meter Höhe in einem gigantischen Hochtal, überragt von fast 3.000 Meter hohen Gipfeln. Hier oben schien die Welt wirklich zu Ende zu sein, der nächste klapperige Forstweg lag zwei Fußstunden bergab. Hier verbrachten wir zwei sonnig schöne Tage, das Steinwild immer im Anblick. Hoch oben auf dem Grat, gut sichtbar, aber unerreichbar. Mein Gastgeber wartete geduldig auf Schlechtwetter, und es kam zum Glück auch. Mit den Wolken sowie dem Regen zogen die Steinböcke in unsere Reichweite in die umliegenden Kessel.

Der König der Alpen

Wir stiegen ihnen noch mal etwa 300 Höhenmeter entgegen und kamen unbemerkt an ein Rudel von fünf Böcken heran. Ein Bock fiel besonders auf durch seine gute Auslage, und nach sorgfältigem Schauen durch sein Spektiv gab Christian mir genau diesen frei, er habe das notwendige Alter von zehn Jahren. Ich beschoss den Bock und traf ihn sehr weit vorne, eine zweite Kugel ließ ihn dann zusammenbrechen. Ein echter Tiroler und ein Flachlandtiroler saßen gemeinsam zufrieden am erlegten König der Alpen. Ein Stakkato schriller Murmelpfiffe riss uns aus unseren Gedanken – ein Paar Steinadler kamen im Jagdflug an der Bergflanke entlanggestrichen.

© Dr. Christian Holm

Hauptsache noch

So ist in einer Zeit von über 20 Jahren Jagd in den Alpen mein persönliches Alpenquartett zustande gekommen. Und welche Wildart reizt Sie am meisten? Hoffentlich konnte ich in Ihnen etwas Lust entfachen, wieder oder zum ersten Mal die magischen 1.800 Meter zu übersteigen, die Baumgrenze in den Alpen, um auf eins der vier hochalpinen Wildarten zu jagen. Das Was ist dabei am wenigsten wichtig – vielmehr ist es das Wie und das mit Wem.