Jagen in England

Wie sich die englische Jagd zur bekannten und heimischen unterscheidet, weiß Dr. Christian Holm aus eigener Erfahrung.

Dr. Christian Holm hatte Gelegenheit, mehrere Jahre das tägliche Jagen in England zu begleiten. Was ihm dort besonders gefallen hat, das verrät er hier. Denn die Jagd im Königreich scheint in mancher Hinsicht beispielgebend.

Eine andere Welt

Andere Länder andere Sitten! Das gilt natürlich auch und gerade für die Jagd. „Anders“ bedeutet sicher nicht immer besser, aber eben auch sicher nicht das Gegenteil. Die Vielfalt der Jagdmethoden, der jagdlichen Gebräuche und Gepflogenheiten in anderen Ländern ist faszinierend. Vor allem ist es für uns deutsche Jäger ein riesiger Vorrat an Ideen und alternativen Konzepten, den es auszunutzen gilt. Von Kleinigkeiten des jagdlichen Alltags bis hin zu Jagdgesetzen kann man hier Entdeckungen machen, die auch unser Jagdwesen in Deutschland bereichern und vielleicht sogar verbessern können. Gerade auf der großbritannischen Jagd lassen einige Dinge aufhorchen.

Freudige Jagd

Die deutsche Jagd wird in vielen Ländern als vorbildlich anerkannt und bewundert. Und manchmal in seiner Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit etwas belächelt. Während eines fünf Jahre währenden Aufenthalts in Großbritannien habe ich dort sehr viel jagen können und die Unterschiede zu unserer Jagd kennengelernt. Was mir dabei gut gefallen hat oder mir wertvoll für uns erscheint, möchte ich hier gerne berichten. Lassen Sie mich bei einem wichtigen Thema beim Jagen in England anfangen: der Freude! Egal ob in Nord- oder Südengland, man versteht es hier, aus der Jagd ein Erlebnis zu machen. Dabei ist das „Wie“ immer wichtiger als das „Was“. Das liegt auch stark an der unterschiedlichen Wertung der Hoch- und Niederwildjagd. Für die Briten sind die trophäenlosen Vögel wie Moorschneehuhn, Schnepfe, Fasan, Ente und Rebhuhn die Krone der Jagd, nicht etwa der Rothirsch oder Rehbock.

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© Pauline v. Hardenberg

Großbritanniens Adel

Die Adeligen Englands entwickelten Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen geeigneter Flinten eine große Begeisterung für die Flugwildjagd und überboten sich gegenseitig mit möglichst großen Strecken von möglichst schwer zu schießenden Fasanen und anderem Flugwild. Diese Mode hat eine Wertschätzung des Flugwildes begründet, die bis heute in den Köpfen der britischen Jäger steckt und der Entwicklung in Deutschland entgegensteht, wo traditionell doch der Hochwildjagd mehr Bedeutung zugemessen wird.

Sportliches Jagen in England

Aber unabhängig vom Jagdwild – auf der großbritannischen Jagd liebt man die Herausforderung, den Sport in der Jagd. Das „deer stalking“, also die Pirsch auf Rotwild in den Highlands, wird nicht nach der Größe der Trophäe bewertet, sondern viel mehr nach der Schönheit des Reviers und der Schwierigkeit der Erlegung. So kenne ich einen englischen Gentleman der alten Schule, der in seinem Leben weit über hundert Rothirsche erlegt hat – alle über Kimme und Korn! Um so bemerkenswerter, als er durch einen Autounfall mit einer Gehbehinderung zu kämpfen hat. Natürlich hätte er viel mehr Beute gemacht mit einem Zielfernrohr auf der Büchse, aber das schien ihm wohl irgendwie zu einfach. „Not sporting“, wie der Engländer sagt. Und die Frage, wieviel Geweihgewicht oder gar Punkte sein stärkster Hirsch hat, habe ich mir verkniffen, denn er wüsste es wirklich nicht. Für ihn wie für die meisten Briten ist entscheidend, ob die Jagd an dem Tag spannend und erfüllend war, nicht wie groß die Trophäe ist.

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Reizvolles Jagen in England

Ich habe daraus für mich auch im heimischen Revier viel gelernt. Die Briten lieben keine Hochsitze, und tatsächlich
 ist für mich die Pirsch auf Schalenwild sehr viel spannender
als anzusitzen. Ich möchte nicht missverstanden werden – die Ansitzjagd ist in vielen Situationen die richtige Methode und auch sehr schön, aber gekonntes Pirschen ist häufiger möglich und erfolgreich, als bei uns angenommen wird. Ich sage bewusst gekonntes Pirschen, weil diese Kunst bei uns etwas in Vergessenheit geraten ist. Also lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie damit automatisch Ihr Revier leerpirschen – Sie können es genauso leicht leersitzen.

Selbstgesteckte Herausforderungen

Die Ursache, nämlich das zu häufige Beunruhigen des Wildes an Stellen und zu Zeiten, wo es sich sicher wähnt, ist in beiden Fällen dieselbe. Wenn man dies beachtet, kann man es am Boden zu Fuß genauso umgehen wie durch die Wahl des richtigen Hochsitzes. Aber wie viel Befriedigung schenkt Ihnen die Erlegung des vertrauten Jährlings auf der Wiese hinterm Dorf, vom Hochsitz auf sechzig Meter geschossen? Warum nicht mal britisch denken und den Bock erpirschen, dabei versuchen, auch bis auf mindestens sechzig Meter ranzukommen und ihn dann am Baum angestrichen zu erlegen? Ich will damit nur sagen, dass wir uns durch solche selbstgesteckten kleinen Herausforderungen in der Jagd einen Mehrwert an Freude schaffen können – und die Briten sind darin wirklich Meister.

Jugendliche Jagd

Der gleiche alte Herr schießt selbstverständlich beim Jagen in England nur Querflinte – und das mit sehr großem Erfolg. Überhaupt sind die Schießkünste vieler britischer Flintenschützen sehr beeindruckend und für uns deutsche Jäger oft kaum zu glauben. Geboren aus der schon erwähnten Liebe zur Flugwildjagd wird das Schießen mit der Flinte schon im frühesten Alter geübt. Wer als Deutscher die Mitgliederzeitschrift der „British Associtation for Shooting and Conservation“ (kurz: BASC, unserem DJV entsprechend) aufschlägt, staunt nicht schlecht. Seitenweise wird dort von Schießtagen mit Kindern berichtet, sowohl mit dem Luftgewehr als auch mit der Flinte. Und gejagt werden darf in dem Alter auch schon – auf Fotos präsentieren stolze Achtjährige ihren ersten Fasan, selbst geschossen mit Papi auf der Treibjagd.

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Kein gesetzliches Mindestalter

Tatsächlich gibt es kein gesetzliches Mindestalter für die Erlegung von Wildtieren in Großbritannien, so wie es dort auch keinen Jagdschein gibt. Auch ich habe meinen ersten Rehbock ganz legal als Zwölfjähriger in Großbritannien erlegt. Damit können Kinder in Großbritannien besonders leicht an die Jagd herangeführt werden, und der Gegensatz zu Deutschland könnte kaum größer sein: Selbst als Treiber sollen Kinder unter 14 Jahren nur in Begleitung einer Aufsichtsperson teilnehmen, so lautet die Interpretation der Unfallverhütungsvorschriften.

Geübte Jagd

Streng sind beim Jagen in England nur die Waffengesetze, aber das Schießen, egal ob auf künstliche Ziele oder Wild, ist im Prinzip jedem zugänglich. Und so erfreuen sich auch die vielen kleinen Tontaubenschießen am Wochenende auf der grünen Wiese größter Beliebtheit. Mit Einverständnis des Grundeigentümers ist es überall möglich, ein paar Wurftaubenmaschinen aufzustellen und an bis zu 28 Tagen des Jahres ohne weitere Genehmigung Tontauben zu schießen. Die Jägervereinigung BASC nutzt diese Möglichkeit, indem sie ihren Mitgliedern mobile Wurfmaschinen und sogar einen ihrer vielen zertifizierten Schießlehrer anbietet, um an beliebiger Stelle Tontauben zu schießen. Überhaupt geht die Zahl der Wurftaubenstände in dem Land in die vielen Hunderte, und dasselbe gilt für sorgfältig ausgebildete Schießlehrer. Vor diesem Hintergrund kann einen die große Zahl guter Flintenschützen nicht verwundern. Viele der besten Schützen des Landes haben als Jugendliche schon kostenlos jagen können. Meistens, indem sie für Landwirte Rabenvögel und Tauben geschossen haben. Diese Jagd gilt hier als Schädlingsreduktion und ist ganzjährig möglich, sofern es dem Schutz von Wildtieren oder der Wildschadensabwehr dient.

Harte und ausdauernde Wildfowler

Ebenfalls für jeden kostenlos möglich, beim Jagen in England, ist die Jagd am Meer. Alle Bereiche unterhalb der mittleren Hochwassermarke sind Staatseigentum und dürfen kostenlos bejagt werden. Dank der großen Gezeitenunterschiede von oft bis zu fünf Meter und mehr zwischen Hoch- und Niedrigwasser erstrecken sich tausende von Hektar Wattlandschaft entlang der Küste. Vor allem an den Mündungen der Flüsse gibt es großartige Wasserwildbesätze, und die Jagd auf diese nennen die Briten „wildfowling“, abgeleitet vom Sammelbegriff „wildfowl“ für Enten- und Gänsevögel. Die Jäger, die dieser traditionellen Jagd verfallen sind, nennen sich Wildfowler und sind als besonders hart, ausdauernd und furchtlos bekannt.

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Nachtschwarze Schlickwanderungen

Es ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig, an einem frostigen, nachtschwarzen Januarmorgen bei Ebbe über weiche Schlickbänke zu wandern, um weit draußen den Morgenstrich, am Rande eines Prils liegend, zu erwarten. Aber es bedeutet eine große Freiheit, vor allem für diejenigen, die sich käufliche Jagdgelegenheiten nicht leisten können. Für mich als Student in Schottland war es eine unerschöpfliche Quelle kostenloser spannender Jagd, von der noch zu berichten sein wird. Es ist ein schöner Traum, sich diese Form der Wasserwildjagd für das ganze Volk an unseren Stränden der Ost- und vor allem Nordsee vorzustellen, aber ich bin Realist genug, um zu wissen, dass dies für uns deutsche Jäger wohl nicht zu erreichen ist.

Differenzierte Jagd

Obwohl es in Großbritannien genauso ein mit dem Eigentum verbundenes Jagdrecht gibt und somit auch Reviere, so ist man hier doch sehr viel flexibler bei der Jagdausübung. Oft teilen sich verschiedene Personen die Jagdmöglichkeiten eines Reviers. Da gibt es einen „Stalker“, der sich auf das Schalenwild spezialisiert und ausschließlich dieses bejagt. Dann gibt es oft eine Gruppe, die das Recht auf Flugwildjagd für das Revier gepachtet hat und meistens nur zwei, drei Mal im Jahr ihre Treibjagden abhält. Deren Mitglieder kämen aber im Leben nicht auf die Idee, ein Reh dort zu erlegen. Diese Gruppe wiederum finanziert einen „Keeper“, also einen ehrenamtlichen oder sogar hauptberuflichen Jäger, der sich vor allem um die Flugwildhege kümmert. Dieser Keeper besorgt nicht selten auch die Aufzucht und das Aussetzen vor allem von Fasanen und Enten, was im Rahmen der Jagd erlaubt ist. Und dieser Keeper lässt sich wieder von anderen Jägern der Gegend helfen, mit und ohne Waffe. Und zu guter Letzt gibt es bei guten Hasen- und Kaninbesätzen oft jemanden, der vor allem diese mit dem Kleinkaliber und dem Frettchen bejagt.

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Rundum glückliche Jagd

Aus dieser offenen Grundeinstellung entstehen beim Jagen in England sehr viel mehr jagdliche Nischen als bei uns. Auf der gleichen Fläche werden oft mehrere Jäger glücklich, ohne sich gegenseitig zu stören. Das könnte uns doch auch helfen. Stellen Sie sich vor, Sie würden als rehwildbegeisterter Feldrevierinhaber einen Teil der Pacht an einen Jäger abwälzen, der am liebsten auf Ringeltauben jagt. Oder sie hätten ein paar Jungjäger, die Krähen und Jungfüchse bejagen. Die Nachtjagd auf Sauen und die Gänsejagd auf Schadflächen sind weitere Beispiele. In vielen unserer Reviere wird schon viel gemeinsam gearbeitet und gejagt, aber wenn wir uns gedanklich von den alten, strengen Strukturen etwas frei machen, wäre oft eine noch bessere jagdliche Pflege und Nutzung bei geringeren Kosten für den Einzelnen möglich.

Charmante Tugenden

Es gäbe noch viel mehr zu berichten vom Jagen in England. Auch von Aspekten, die bei uns besser laufen, wie der Umgang mit dem Schalenwild. Aber es wäre nicht britisch, sich unnötig über die Probleme anderer auszulassen – lieber man lobt die guten Dinge! Vielleicht ist auch dies eine charmante Tugend, die wir manchmal übernehmen sollten.