Das Vorhaltemaß ist auf der Drückjagd mitunter entscheidend. Hier gilt es, richtig vorzuhalten, um dem Wild die Kugel möglichst im Kammerbereich anzutragen. Auch wenn in derartigen Situationen das Treffen zu einem Großteil auf Übung und Erfahrung basiert, so kann es doch von unschätzbarem Vorteil sein, sich auch einmal die theoretischen Vorhaltemaße vor Augen zu führen.

Schuss auf flüchtiges Wild  

Viele Faktoren beeinflussen den Schuss auf flüchtiges Wild. Doch gerade der Einfluss des richtigen Vorhaltemaß auf der Drückjagd ist nicht zu unterschätzen. Beim Schuss mit der Kugel auf flüchtiges Wild ist das Vorhaltemaß abhängig von der Entfernung zwischen Jäger und Wild, von der Fluchtgeschwindigkeit des Wildes, vom Fluchtwinkel und von der durchschnittlichen Geschossgeschwindigkeit der verwendeten Laborierung.  

  • Fluchtwinkel: Der Fluchtwinkel beeinflusst das Vorhaltemaß wesentlich. Je größer der Winkel, desto geringer wird das Vorhaltemaß. Beim Fluchtwinkel von um die 45 Grad mindert sich das Vorhaltemaß um etwa ein Drittel. Bei einem Fluchtwinkel von um die 65 Grad halbiert es sich.
  • Körperlänge: Soll die Angabe des Vorhaltemaßes in Körperlängen erfolgen, bedarf es dazu des Wissens um die tatsächliche Körperlänge des zu beschießenden Stücks. Diese ist abhängig von Wildart, Geschlecht und Alter. Hinzu kommen Einflüsse des Lebensraums und die individuelle Entwicklung. Deshalb sind die Angaben als grobe Durchschnittswerte zu betrachten. Dies gilt insbesondere bei den Frischlingen, die heute zu fast allen Jahreszeiten gefrischt werden.
  • Geschossgeschwindigkeit: Der wesentliche Einfluss der Geschossgeschwindigkeit lässt sich aus der Tabelle 3 ablesen. Gewählt wurden die gebräuchlichen Kaliber 9,3x62, .30-06 und 8x68 S mit praxiserprobten Laborierungen.
© Redaktion // Diese Tabelle enthält alle wichtigen Informationen rund um das richtige Vorhaltemaß.
© Pauline von Hardenberg // Wohl dem, der das richtige Vorhaltemaß auf der Drückjagd hält.

Vorhaltemaß auf der Drückjagd - Praxisbezug  

Ausgangspunkt des Vorhaltens ist selbstverständlich der optimale Treffpunkt, also etwa die Zehn der DJV-Wildscheibe. Der halbe Meter des Vorhaltens beim Schuss auf hochflüchtiges Schwarzwild auf 25 Meter Entfernung beginnt dort. Daher liegt der Haltepunkt im Moment des Schusses in etwa am Wurf. Beim Fuchs sollte sich im Moment des Schusses der Leuchtpunkt bereits deutlich vor dem Fang befinden, beträgt bei einer Kopf-/Rumpflänge von etwa 65 Zentimeter der Abstand von Nasenspitze bis Blatt/Kammer doch lediglich 30 bis 35 Zentimeter. Die rechnerischen Werte sind die eine Seite. Die andere ist die Revierpraxis. Trotz moderner Technik ist der Jäger dort in aller Regel auf Schätzungen angewiesen. Er weiß bei sich schnell bewegendem Wild kaum die aktuelle Entfernung. Ebenso kennt er weder die tatsächliche Fluchtgeschwindigkeit noch den genauen Fluchtwinkel. Auch die tatsächliche Körperlänge ist nicht bekannt, muss grob geschätzt werden. Und wer unterschiedliche Kaliber führt, hat auch die jeweils zutreffende Geschossgeschwindigkeit in seine Überlegungen einzubeziehen.  

Gängige Entfernungen  

Auf Schussentfernungen bis 50 Meter mag’s ja noch gehen mit dem richtigen Vorhaltemaß auf der Drückjagd. Darüber wird’s schwierig. Und trotz alledem demonstrieren erfahrene und geübte Jäger immer wieder, dass auch bei hochflüchtigem Wild ein Treffen an der richtigen Stelle des Wildkörpers möglich ist, selbst auf beachtliche Entfernungen. Dabei spielen neben den individuellen Erfahrungen und den schießtechnischen Fertigkeiten auch technische Elemente wie passender Schaft und variables Drückjagd-Zielfernrohr mit augenführendem Rotpunkt-Absehen eine bedeutsame Rolle.

© Pauline von Hardenberg // Für viele Jäger der Höhepunkt des Jagdjahres - die Drückjagdsaison.
© Thomas Atwell // Nur gute Schützen garantieren eine hohe Strecke.

Flüchtiges Wild und schnelle Schüsse  

Hochflüchtiges Schalenwild erlebt der Jäger vorrangig während der Bewegungsjagden, wenn die Hunde am Wild jagen. In solchen Situationen bleibt es dem Jäger überlassen, ob er auf das gesunde Wild Funken reißt. Stets hat er auf der Grundlage seiner Schießfertigkeit verantwortungsvoll zu handeln. Geht die Schussentfernung über 75 Meter hinaus, wird der Schuss in aller Regel wohl unterbleiben. Anders bei krankem Wild. So selten ist es bei Gesellschaftsjagden nicht, dass angebleites, aber noch mobiles Wild anläuft. Dann sollte es auch über größere Schussdistanzen knallen. Aber auch bei Pirsch und Ansitz kann es vorkommen, dass der erste Schuss das Stück nicht an den Platz bannt. Hochflüchtig stürmt es – unvorhersehbar in welche Richtung und in welchem Fluchtwinkel – davon. Ein Folgeschuss wird notwendig.  

Nachsuchenvermeidung  

Und gerade beim Ansitz, wenn die Schussentfernungen in aller Regel ziemlich groß sind, sollte der Jäger in etwa einschätzen können, wie weit er vorhalten muss, um das kranke Stück noch vor der Deckung zu stoppen bzw. mit einem weiteren Treffer die Nachsuche zu verkürzen. So mancher durch die Brunft schusshart gewordene Platzhirsch liegt nicht im Feuer, zeichnet, stürmt davon, braucht – bevor er stürzt – die an der wirksamen Stelle sitzende zweite Kugel. Nicht viel anders ist es ein paar Monate früher im Jahr in der Blattzeit. Auch da erspart ein Folgeschusstreffer manche schwierige, weil in den Halmendschungel riesiger Getreideschläge oder in bürstendichte Dickungen führende Nachsuche. Übrigens bewegt sich hart bedrängtes, hochflüchtiges Rehwild nicht in den üblichen, schießtechnisch kaum zu beherrschenden Bogenfluchten fort, sondern in etwa geradlinig wie Schwarz- und Rotwild.

© Thomas Atwell // Mit ausreichend Waidmannsheil wird ein durchschnittlicher Jagdtag schnell zu einem unvergesslichen.