Wolfsjagd in Russland

Für viele Jagdreisende ist die Wolfsjagd in Russland die Krone der ausländischen Raubwildjagd.

Die Wolfsjagd in Russland wird oft durch das Lappen ausgeübt. Viel- und Auslandsjäger Gert G. v. Harling
durfte diese einzigartige Jagdform im tiefverschneiten Russland hautnah erleben.

Russisches Wundermittel

Es gibt keine hässlichen Frauen, höchstens zu wenig Wodka“, prostet mir Aljoscha beim Frühstück in der verkommenen Holzhütte mitten in der Wildnis am Fuße des Urals, der natürlichen Grenze zwischen Asien und Europa, zu. Dann schneidet er mit einem riesigen Messer von einem daumengroßen Stück schwarzer, undefinierbarer Masse eine Ecke ab, zerkleinert sie, und es entsteht ein walnussgroßes Häufchen pulverartiger Masse. „Essen! Essen!“, werde ich aufgefordert. Das Zeug schmeckt penetrant bitter, aber die Wirkung soll, so versichern die Russen, enorm sein. Was ich zu mir genommen habe, gilt als Wundermittel gegen jegliche Krankheiten und soll die Potenz enorm steigern: getrocknete Bärengalle. Zumindest was Letzteres betrifft, warte ich noch auf die Wirkung. Wahrscheinlich war der Bär schon zu alt.

Keine Eile auf der Wolfsjagd in Russland

Dann erfahre ich, dass es in dem Bezirk, in dem wir zur Wolfsjagd in Russland sind, so viele Wölfe gibt, dass die Behörden Vergiftungsaktionen angeordnet haben und dass in dem dreihundert Hektar großen Waldstück, in dem die Bärin geschossen worden war, deren Galle ich gerade in mich hineingewürgt habe, ein von Wölfen gerissener Elch gefunden worden war. Die Grauhunde sind aus dem Wald nicht herausgespürt worden, und man hatte die Parzelle mit einer fünf Kilometer langen Schnur, an der leuchtend rote Stofffetzen hängen, eingekreist. Mit Skibobs geht es per Vollgas zur besagten Stelle. Dort treffen wir auf Alexander, Sascha und Oleg. Drahtige, sportliche Kerle, die bei der Armee gedient hatten. Auf einer großen Plane werden im Schnee Hühnchen, Fisch, Elchfleisch und Pfannkuchen ausgebreitet, dazu Wodka, Bier und Wein. Herz, was wünscht du mehr! Fröhliches Kauderwelschen, ich verstehe kaum etwas, aber alle sind guter Dinge, ja begeistert und immer wieder „keine Eile, keine Eile“, wenn ich zum Aufbruch dränge.

© Haralds Barviks, Latvian Safari Club
© Pixabay

An der Lapplinie

Schließlich fährt mich Oleg an die Lapplinie, fünfhundert Meter von unserem Lagerplatz entfernt. Vom Schlitten aus erkenne ich Wolfsspuren. Vier oder fünf, vielleicht auch mehr Grauhunde mögen es gewesen sein, die im hohen Schnee neben der belappten Leine entlanggeschnürt sind. Auch Oleg, er hat viele hundert Wölfe erlegt, kann nicht genau sagen, wie viele es waren. Um Energie zu sparen, tritt ein Wolf exakt in die Spur des Vordertiers, und für den Verfolger entsteht der Eindruck, es wäre weit und breit nur ein Wolf unterwegs. Mit Geknatter verlässt mich mein Fahrer nach kurzer Einweisung, von der ich kein Wort verstehe, und ich bin endlich allein. Es ist totenstill. Zu meiner Rechten stehen vereinzelte Birken und Espen, hinter mir bildet ein riesiger, zugefrorener See eine weite Schneefläche ohne Bewuchs.

Nachlassende Konzentration

Unentwegt starre ich auf einen breiten Wechsel im hohen Schnee. Wolf, Elch, Hase und Silberfuchs haben ihn getreten, nutzen ihn in diesem überlebensfeindlichen Umfeld, um Kräfte zu sparen. Dichtes Schneetreiben beginnt. Alles um mich herum erscheint leuchtend weiß. Nach einer Stunde lässt das Schneegestöber nach. Zeisige rauschen vorüber. Ich nehme sie nur flüchtig wahr, bin so konzentriert, dass ich zweieinhalb Stunden lang meine Blicke kaum von dem Pass und der langen Leine, an der die Stofffetzen fast unmerklich im leichten Wind hin- und herwehen, löse. Manchmal glaube ich etwas zu vernehmen, aber es ist Einbildung. Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen bestimmen meine Sinne. Allmählich lässt die Konzentration nach. Da fällt ein Schuss. Kalte Füße, tränende Augen, klamme Finger, eisiger Wind sind augenblicklich verflogen, vergessen.

© Haralds Barviks, Latvian Safari Club

Feierstimmung

Eine halbe Stunde später nähert sich Motorengeräusch. Oleg holt mich ab. Doch da streikt unser Schneemobil. Zureden hilft nicht, fluchen ebenso wenig, also gibt es für jeden einen ordentlichen Schluck Wodka, dann wütende Fußtritte gegen die Antriebsrollen und schon läuft die Maschine wieder. Grinsen, Schulterklopfen – weiter geht’s zum Lagerplatz. Dort herrscht unbeschreibliche Freude. Neben dem Feuer liegt ein spindeldürrer Wolf. Die Mentalität der Russen gegenüber dem einst heiligen Begleiter Wodans ist die gleiche, die manch deutscher Jäger Reineke entgegenbringt: Nur ein toter Fuchs ... Wieder beginnt ein Fest. Der klare Wodka fließt aschenweise. Die Gastfreundschaft ist, trotz aller Kargheit und Primitivität, phänomenal, wohltuend und ungewohnt für den, der aus einem Land kommt, in dem Überfluss herrscht, aus einem Land, in dem man sich keine Gedanken macht über das Überleben, wo Hunger fremd, regelmäßige und reichhaltige Mahlzeiten sowie warme Kleidung selbstverständlich sind.

Wolfsjagd in Russland – spitz von vorne

Endlich geht es weiter. Bis über die Knie versinken wir bei jedem Schritt im Schnee. Es macht keinen Unterschied, ob ich in die Stapfen meines Vordermanns trete oder mir selber einen Weg bahne, es ist gleichermaßen beschwerlich. Die Lappstadt wird noch einmal genommen. Laut den Treibern waren fünf Wölfe durch die Treiberkette nach hinten durchgebrochen. Oleg bleibt diesmal bei mir. Wieder eine Stunde Warten und Erwarten, Ungeduld und Spannung. Außer uns kein Lebewesen weit und breit. Kein leises Zirpen eines Vogels, kein Windhauch ist zu vernehmen, keine Stimme eines Treibers und schon gar kein Schuss. Atemlose Ruhe, bedrückende Stille. Plötzlich aufgeregte Schreie der Treiber. Ein Wolf ist vor ihnen geflüchtet, übersetzt mir Oleg das Stimmengewirr, packt mich an der Schulter, rast zu dem Schneemobil, ich schwinge mich auf den Rücksitz, währenddessen er den Motor anwirft, und wir brausen zu einem anderen Pass. Mir wird bedeutet, vom Schlitten zu springen und die zwanzig Meter zu den Lappen zu laufen. Die Maschine rast weiter. Tief versinke ich im Schnee.

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Passendes Schneehemd

Ich beginne zu keuchen, mein Herzschlag rast ob der Anstrengung. Trotz der Kälte läuft mir Schweiß von der Stirn in die Augen. Zwischen den dicht stehenden Espen und Birkenstämmchen nehme ich eine Bewegung wahr, ein Schatten, ein Schemen, ein grauer Geist. Zehn Meter parallel zu den bunten Lappen bewegt sich das Etwas, und dann erkenne ich, es ist kein Schatten und schon gar kein Geist, es ist wahrhaftig ein Wolf. Seine Gehöre sind nach hinten gelegt, nicht nach vorne gerichtet oder aufgestellt, wie bei aufmerksamer Flucht. Er bewegt sich auf die Lappen zu, verhofft vier, fünf Meter davor, biegt ab und wendet in meine Richtung. Flüchten ist nicht der richtige Ausdruck, eher müde schleppt er sich durch den hohen Schnee. In meinem Schneehemd bin ich für ihn unsichtbar.

Dürr und abgekommen

Schwerfällig kommt er näher. Als er sich durch die vereiste Schneedecke auf mich zu quält, handle ich instinktiv, denke nur ans Beute machen, bin nur noch Jäger, gehe in Anschlag und schieße. Als ich zu meiner Beute gehen will, sacke ich bis zu den Oberschenkeln ein, krieche auf Händen und Knien mühevoll durch die weiße Pracht, versinke dennoch tief. Mehrere Minuten benötige ich für die knapp 50 Meter, bis ich endlich vor dem Wolf im Schnee liege. Er ist längst verendet, ich kann meine Flinte beruhigt entladen. Jetzt wird mir bewusst, dass die Wölfin ebenso große Schwierigkeiten hatte, um sich durch den Schnee zu arbeiten wie ich. An ihren Vorderpranken erkenne ich tiefe Schnittwunden vom Laufen über den Harsch und dem Einbrechen in die harte Schneedecke. Dürr, abgekommen, halb verhungert ist sie. Ich fühle jeden Wirbel, jede Rippe, als ich über den dichten Balg streiche. Als ich meine Beute hinter mir her aus dem Wald ziehe, wieder mit jedem Schritt bis zu den Oberschenkeln im Schnee versinke, fühle ich, dass sie nicht mehr als ein Reh wiegt.

© Haralds Barviks, Latvian Safari Club

Andere Jagdkulturen

Wieder am Lagerplatz angelangt, erfahre ich, dass noch mehr Wölfe in der Lappstadt stecken und das Treiben ein drittes Mal genommen wird. Ich stehe am selben Pass wie zuvor. Wieder bin ich gespannt, alles um mich herum vergessend, nur Konzentration. Dann, nach einer endlos erscheinenden Stunde erneut Motorengeräusch, ein Jäger kommt angebraust und erklärt, dass das Rudel ausgebrochen, durch die Lappen gegangen ist. „Wir müssen hinterher, das Rudel können wir problemlos einholen und vom Schlitten aus schießen“, verstehe ich den wild gestikulierenden, wortreich auf mich einredenden Mann, aber ich lehne das Angebot ab. Er versteht nicht, dass Jäger aus einer anderen Welt, die keine Hungersnot leiden und nicht von Wildtieren bedroht werden, auch andere Anschauungen über Jagd, Tiere und Natur haben.

Das Schlüsseltreiben

Hoch im Schnee einige Rindenstückchen und dürre Zweige behutsam zusammengefügt, schon brennt es, lodern Flämmchen, dann Flammen. Größere Zweige werden aufgelegt, die Flammen züngeln höher. Bald hat sich Glut gebildet, strahlt wohlige Wärme aus. Man hat hier gelernt, mit der weißen Pracht zu leben. Einige Hölzer werden geschnitten, ein Querast darübergelegt, und schon hängt ein Kessel über dem Feuer. Und was wandert dann alles in den Kessel: Knoblauch, Zwiebeln, Speck, Paprika, Kartoffeln und Wodka natürlich. Daneben Holzspieße über der Glut mit Leber, Wurst, Speck und anderen Köstlichkeiten. Lebensfreude pur! Geselligkeit ist angesagt nach einem erfolgreichen Tag, an dem zwei der Schafräuber auf der Strecke liegen. Freude, Ausgelassenheit und Entspannung machen sich auf der Wolfsjagd in Russland breit. Begriffe wie Puschka (Gewehr), Wodka, Kalaschnikov, Medwed (Bär), Piwo (Bier) und vor allem immer wieder Wolk (Wolf) schwirren durcheinander. Allmählich fallen die großen Äste in sich zusammen, die Glut sinkt langsam, die Gespräche werden ruhiger. Irgendwann endet auch diese Jagd. Als wir mit unseren Schneeschlitten wieder zur Hütte brausen, drehe ich mich noch einmal um. Einen Haufen Wohlstandsmüll haben wir zurückgelassen. Kartons, Plastik und ein Dutzend leerer Flaschen liegen verstreut am Lagerplatz. Unsere Reste aus der Zivilisation werden vergehen, die Eindrücke dieser Jagd aber bleiben bestehen.

© Haralds Barviks, Latvian Safari Club

Die Lappjagd

Die Redewendung „Durch die Lappen gehen“ kommt von der Lappjagd, einer Form der Drück- bzw. Treibjagd, bei der die Seiten des Treibens, der sogenannten Lappstadt, mit einer Schnur, an der Stofffetzen oder Tücher hängen, umgrenzt sind. Durch diese Lappen wird das Wild zurückgescheucht oder veranlasst, in eine bestimmte Richtung auszuweichen. Die Jagdart wurde früher auf Schalenwild, Füchse und vor allem Wölfe ausgeübt. Schwarzwild lässt sich von Lappen selten abschrecken. Wurde Wild durch Kreisen bestätigt, wird das Gebiet leise eingelappt. Die Lappen sollten nicht direkt am Dickungsrand hängen, damit sie schon von weitem vom Wild eräugt werden können. Denn hängen die Lappen direkt am Dickungsrand entlang, wird das Wild sie erst gewahr, wenn es unmittelbar davorsteht und würde sie in den meisten Fällen überfallen oder durchbrechen, also durch die Lappen gehen.

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