Ein passendes und universell einsetzbares Kaliber für die Drückjagd zu finden, ist nicht gerade leicht. Gerade für Jagdreisende, die viel Zeit auf ausländischen Drückjagden verbringen ist die Beantwortung dieser Frage mitunter entscheidend, gilt es doch vielen verschiedenen Wildarten. Waffen- und Kaliberexperte Frank Heil gibt ihnen daher wichtige Tipps für die Suche nach dem richtigen Drückjagdkaliber.

Richtige Drückjagd-Laborierung

Anlässlich einer Gesellschaftsjagd im Ausland hochgemachtes Schalenwild ist vollgepumpt mit Adrenalin und zeigt sich gegenüber vertraut äsendem als wesentlich schusshärter. Die Todesfluchten und Nachsuchen werden länger. Dann hilft es, wenn ein Ausschuss vorhanden ist, der möglichst viel Schweiß liefert. Obwohl – wie Befragungen ergaben – die meisten Jäger mit ihrer vertrauten Alltagswaffe und -munition auch auf Bewegungsjagden erscheinen, lohnt es sich, nach einem speziellen Kaliber für die Drückjagd zu suchen. Die Anforderungen an eine solche: Die Laborierung muss von den „Nebenwirkungen“ her vom Jäger zu verkraften sein (Treffersitz wichtiger als Geschoss und Kaliber). Die Empfehlung: das Kaliber/die Laborierung wählen, die vom Drückjagdteilnehmer gerade noch zu ertragen ist. Und die Anforderungen an das Geschoss: schnelles Ansprechen im Ziel, überzeugende Stoppwirkung, relative Unempfindlichkeit gegenüber Hindernisse in Flugbahn sowie hohe Ausschusswahrscheinlichkeit bei möglichst geringer Hinterland-Gefährdung.

Kaliber für die Drückjagd – hohe Geschossgeschwindigkeit

Günstig ist eine hohe Geschossgeschwindigkeit. Das Projektil ist schneller im Ziel, dadurch verringert sich das Vorhaltemaß. Dazu ein paar Bemerkungen: Einige Jahre verwendete ich in den Kalibern 9,3x62 und 9,3x74 R das 18,5 Gramm schwere RWS-Teilmantel-Rundkopfgeschoss (v0 = 695 m/s). Seine Stoppwirkung überzeugte. Nachteile: Schon ab 50 Meter musste auf flüchtige Sauen enorm vorgehalten werden. Weiterhin zerlegte es sich sehr stark. Die austretenden Blei- und Mantelsplitter deckten auf kürzere Entfernung eine riesige Fläche, so dass die Gefahr von Verletzungen auch abseits stehender Stücke (und Hunde) bestand. Mittlerweile bevorzuge ich in diesen Kalibern leichtere und schnellere Geschosse.

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Passendes Kaliber für die Drückjagd

Übliche Kaliber für die Drückjagd sind alle Standardkaliber von .308 Win. bis hin zu 9,3x62. Möglich, aber kaum notwendig: Magnumpatronen – von .270 WSM aufwärts. Hinzu kommen Spezialkaliber wie .45 Blaser, .450 Marlin und Leichtladungen von Großwildkaliber-Patronen. Erwähnt seien einige in Deutschland selten verwendete, jedoch mit entsprechenden Geschossen für Bewegungsjagden brauchbare Kaliber mit relativ geringen Nebenwirkungen: Norma 9,3x57, .35 Whelen, .338 Marlin Express, .338 Federal, .338- 06 oder 7,5x55 Swiss. Hinzu kommen Drückjagdkaliber über 7,62 mm für harte Kerle: 8x68 S, .320 WSM, .338 Win. Mag, .338 Blaser Mag. oder 358 Norma Mag. Dass erstklassige Schützen auch mit kleinerem Kaliber (beispielsweise .270 Win.) sämtliche Drückjagd-Aufgaben problemlos meistern, ist überzeugend demonstriert worden. Und derjenige Jäger, der auf Bewegungsjagden seine vertraute Kipplaufwaffe in 7x65 R oder 8x57 IRS führt, braucht sich keine Vorwürfe zu machen, sofern er fleißig geübt hat und der Treffer an der richtigen Stelle sitzt.

Weltweite Verbreitung der .308 Win.

Die .308 Win. hat durch die Verwendung als Militärpatrone 7,62 Nato weltweit Verbreitung gefunden. Ihr Vorteil ist die kurze Hülsenlänge, die es erlaubt, Waffen mit führigem Kurzsystem zu bauen. Durch die modernen Kugelpulver mit hohem Schüttgewicht lassen sich aus der .308 Win. erstaunliche Leistungen herausholen. Sie ist tauglich für alle europäischen Schalenwildarten, wobei die Haupteignung bei den mittelschweren Arten liegt. Im Kaliber .308 Win. ist die Auswahl an verschiedenen Laborierungen riesig. Jeder Munitionshersteller hat dieses Kaliber im Programm. Die Nebenwirkungen der .308 Win. lassen sich auch von schussempfindlichen Jägern ertragen.

Kaliber für die Drückjagd – legendäre Wirkungen

Ähnliches ist zu den Kalibern .30-06 und 8x57 IS zu sagen. Auch sie kommen häufig auf Bewegungsjagden zum Einsatz und haben sich mit drückjagdgeeigneten Geschossen rundum bewährt. Nicht vergessen werden darf die Randpatrone .30 R Blaser. Mit geeigneten Geschossen ist ihre auch auf Bewegungsjagden zuverlässige Wirkung bereits legendär. Weitere für Bewegungsjagden prädestinierte Randpatronen sind die 8x75 R, die 8,5x63 R Reb und die 9,3x74 R, oft als „Königin der Hochwildjagd“ bezeichnet.

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Beliebte Repetierbüchsen

Zur 8x68 S: Auf Drückjagden führen verhältnismäßig viele Jäger Repetierbüchsen in diesem Kaliber. Nach der verwendeten Laborierung befragt, kommt überwiegend die Antwort: die RWS-Patrone mit dem „umwerfenden“ H-Mantel-Geschoss. Nachteil: Für Rehwild nur bedingt geeignet. In der Beliebtheit folgt das CDP-Geschoss. Das leichte, rasante Geschoss mindert das notwendige Vorhalten beträchtlich (v0 = 1.087 m/s, GEE = 237 m).

Persönlicher Kaliberfavorit

Nun zu meinem Kaliber für die Drückjagd und Bewegungsjagd-Favoriten, der Patrone 9,3x62. Vor über 100 Jahren entwickelt, fand die 9,3x62 schnell Anerkennung und ist heute bei der Jagd auf Elch-, Rot- und Schwarzwild weit verbreitet. Werden die üblichen schweren Bleigeschosse verwendet, sollte die Schussentfernung 170 Meter nicht wesentlich überschreiten. Denn dann fällt das Geschoss ziemlich stark. Dafür ist die Stoppwirkung auf kurze Distanz sehr hoch, und die Wildbretentwertung bleibt erträglich. Die leichten, sehr schnellen bleifreien Geschosse schieben die Einsatzentfernung deutlich hinaus (EVO green: GEE=177m,KJG:GEE= 194 m, MJG: GEE = 210 m). Da für die 9,3x62 überwiegend mittelschnelle Pulver verwendet werden, die auch in kürzeren Läufen nahezu vollständig verbrennen, eignet sie sich für kurzläufige Büchsen. Der Leistungsverlust ist gering. Die 9,3x62 ist eine leistungsstarke, ausgewogene und erträglich zu schießende Patrone. Viele moderne Patronen verlieren schnell ihren Magnum-Glanz, werden die echten Werte, ermittelt aus der konkreten Waffe und nicht übernommen aus Messlauf-Angaben, mit denen der 9,3x62 verglichen.

Andere Varianten

Viel jünger als die 9,3x62 ist die 8,5x63 Reb. Sie gehört zu den Standardpatronen, bringt jedoch erstaunliche Leistungen und hat sich auch auf Bewegungsjagden bewährt. Leider ist das Munitionsangebot beschränkt. Der Jäger kann jedoch zwischen schweren bleihaltigen und leichteren bleifreien Geschossen wählen. Vor allem mit Geschossen wie dem bleifreien KJG-SR (9 g, v0=1.011m/s,GEE=217m) bleiben spürbarer Rückstoß, Hochschlag usw. bescheiden. Obwohl zu den Magnum-Patronen zählend, ist die kurzhülsige .338 Win. auch vom Normaljäger zu beherrschen.

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Kein spürbarer Rückstoß

Mit drückjagdgeeigneten Geschossen geladen, überzeugt ihre Wirkung allenthalben. Und das sowohl mit 65 Zentimeter langen als auch mit 51 Zentimeter kurzen (S303) Läufen. Aus der mündungsbremsengerüsteten S303 verschossen, liegen spürbarer Rückstoß und Hochschlag unter einer aus Standardbüchsen verwendeten .308 Win. Umfangreiche eigene Erfahrungen belegen das. Der .338 Win. in Leistung und weiteren Eigenschaften sehr ähnlich: die Patrone .338 Blaser Magnum, geladen sowohl mit bleihaltigen (Norma Oryx 14,9 g, Nosler Accubond 13 g) als auch bleifreien (Barnes TTSX 13,6 g) Geschossen, alle als Kaliber für die Drückjagd mehr als tauglich.

Großkalibrige Unterschallpatrone

Die Patrone .45 Blaser wurde einst von Romey als großkalibrige Unterschallpatrone für eine schallgedämpfte Version des Erma SR 100 konzipiert. Nachdem die geplante Verwendung ausfiel, fand sie eine bescheidene Verbreitung als Patrone für die Jagd auf Schwarz- und Rehwild mit dem Ziel, auch für Bewegungsjagden brauchbar zu sein (unempfindlich gegenüber Hindernissen in der Flugbahn, erträgliche Wildbretbeeinträchtigungen, gute Stoppwirkung). Dank des hohen Geschossgewichts von 22,7 Gramm erreicht die Patrone trotz der relativ niedrigen Mündungsgeschwindigkeit von 620 Meter pro Sekunde (.308 Win. etwa 790 m/s) die notwendige kinetische Energie (E0 etwa 4.359 J). Nachteile: Niedriger BC-Wert des Geschosses und geringe Anfangsgeschwindigkeit bedingen eine Günstigste Einschießentfernung von nur 120 Meter. Die .45 Blaser ist deshalb alles andere als eine Weitschuss-Patrone. Aufgrund der geringen Nachfrage hat Blaser dieses Kaliber aus dem Standard-Fertigungsprogramm genommen.

Ausländische „Bärenstopper“

Als Kaliber für die Drückjagd etwas leistungsstärker als die .45 Blaser: die .450 Marlin. Die .450 Marlin, Hülsenlänge 53 Millimeter, ähnelt der ehrwürdigen .45-70 Gov. Gemeinsam von Marlin und Hornady entwickelt, von Hornady gefertigt sowie aus Marlin-Unterhebel-Repetierbüchsen (vor allem Modell 1895M levergun) bzw. der Browning BLR verschossen, bewährte sich diese Patrone als „Bärenstopper“ und für Bewegungsjagden aller Art. Sie eignet sich grundsätzlich für die Jagd auf Hochwild auf kurze Distanz, da nur bis zu Reichweiten von etwa 150 Meter ausreichend genau. Empfehlenswertes Geschoss: Hornady FTX (Hornady Flex Tip LEVERevolution) 21 g, v0 = 678 m/s, E0 = 4.843 J, GEE = 130 m. Bedeutsam: Bei der .450 Marlin wurde der Hülsengürtel verbreitert, damit die Hülse nicht ins Patronenlager kleinerer Kaliber passt (z.B. 7 mm Mag., .338 Win. Mag.).

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Schnelles Ansprechen und hohe Restgewichte

Als vorzüglich drückjagdgeeignet haben sich viele der modernen gebondeten Geschosse erwiesen. Genannt seien einige, mit denen eigene Erfahrungen vorliegen: Nosler Accubond (Restgewicht über 60 %), Federal Fusion (Restgewicht über 70 %), Swiss Scirocco Bonded (über 80 % Restgewicht), Hornady Interbond (über 90 % Restgewicht), Geco plus (Restgewicht etwa 95 %), RWS EVO (Restgewicht über 95 %), Trophy Bonded Tip (über 95 % Restgewicht), Sako Super Hammerhead (Restgewicht um die 98 %). Diese Deformationsgeschosse sind relativ unempfindlich gegen schwache Hindernisse in der Flugbahn, sprechen im Ziel ziemlich schnell an, bleiben beim Durchdringen des Wildkörpers richtungsstabil, behalten ein sehr hohes Restgewicht, ergeben in der Regel Ausschuss, hinterlassen im Wildbret kaum Metall-Rückstände und die Wildbretbeeinträchtigungen bleiben erträglich. Ihre Stoppwirkung ist in aller Regel überzeugend.

Wildbretfreundliche Geschosse

Wer jedoch auf Bewegungsjagden vom Geschoss sehr schnelles Ansprechen, extreme Energieabgabe und damit höchste Stoppwirkung haben will, ist mit dem – allerdings wenig wildbretfreundlichen – Teilzerlegungsgeschoss Hornady SST gut beraten. Ähnlich wirkt das RWS-Teilzerlegungsgeschoss DK. Von RWS haben sich weiterhin die schnell reagierenden Teilzerlegungsgeschosse H-Mantel sowie ID Classic bewährt. Auch das Geco Express spricht schnell und wirkungsvoll an.

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Kaliber für die Drückjagd – bleifreie Geschosse

Auch das bleifreie Jaguar-Geschoss gibt es mittlerweile als Jaguar Plus, ausgelegt für Kirrung und Drückjagd. Es gilt, einiges zu drückjagdgeeigneten bleifreien Geschossen zu sagen, denn zahlreiche Forstämter fordern als Voraussetzung für eine Drückjagdteilnahme „bleifrei“. Die im Vergleich mit Bleigeschossen in aller Regel leichteren bleifreien Geschosse bekommen ihre Energie meist über hohe Geschwindigkeiten. Oft haben sie einen hohen ballistischen Koeffizienten, der für Rasanz sorgt und die Geschwindigkeitsabnahme über lange Strecken in erträglichen Grenzen hält. RWS begann bleifrei mit den Geschossen Bionic yello und Bionic black. Diese wurden inzwischen von den wesentlich besseren EVO green-Geschossen abgelöst, die sich unerwartet drückjagdtauglich zeigten. Mit ihnen liegen eigene – ausschließlich positive – Bewegungsjagd-Erfahrungen (Raps- und Maisernte, Ansitz- und Drückjagden im Wald) in den Kalibern .308 Win., .30-06, .300 Win. Mag., .30 R, 8x57 IS und 9,3x62 vor.

Weitere Bleifreie

Weitere bleifreie, auch für Bewegungsjagden brauchbare Geschosse aus deutschen Landen: LfB Jaguar, Reichenberg HDB/HDBoH, Sax KJG-SR und andere. Aus Europa: Lapua Naturalis, S&B eXergy (sehr hart), Norma Kalahari. Aus Amerika: Barnes TSX/TTSX, Hornady GMX, Remington Copper Solid, Nosler E-Tip, Winchester. Bleifreie Deformationgeschosse, die fast 100-prozentig ihre Masse behalten (Barnes TSX/TTSX, Hornady GMX oder Remington Copper Solid) bringen gegenüber Teilzerlegungsgeschossen als Vorteil, dass keine Metallsplitter im Wildbret verbleiben, auf die der spätere Verzehrer des Bratens beißen könnte.

© Thomas Atwell